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Warum die meisten Schilddrüsen-Operationen unnötig wären
Schilddrüsenknoten gehören zu den häufigsten endokrinologischen Befunden weltweit. Deutschland gehört nach wie vor zu den Regionen mit Risiko für Jodmangel und dadurch verursachten Schilddrüsenveränderungen.
Hier sind einige Zahlen aus epidemiologischen Untersuchungen:
- Über 30 % der Erwachsenen haben mindestens einen Schilddrüsenknoten.
- In Regionen mit anhaltendem Jodmangel kann die Prävalenz bei über 50 % liegen.
- Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.
- Ab dem 45. Lebensjahr steigt das Risiko stark an.
Seit einigen Jahren gilt Deutschland wieder als Jodmangelland, weil das Bewusstsein für eine adäquate Jodzufuhr die allgemeine Bevölkerung und einen Großteil der Ärzte und Heilpraktiker immer noch nicht erreicht hat. Trotz jahrzehntelanger Aufklärung. Ein Jodmangel zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Struma (Kropf) und Schilddrüsenknoten. Oft tritt eine Kombination von Schilddrüsenvergrößerungen und Schilddrüsenknoten gemeinsam auf.
Die Schilddrüse muss bei Jodmangel stärker arbeiten, um ausreichend Hormone zu produzieren und reagiert mit Wachstumsprozessen, die letztlich zur Knotenbildung führen. Der Zusammenhang zwischen Jodmangel und Schilddrüsenknoten ist einer der bestbelegten in der Endokrinologie. Wenn dem Körper über längere Zeit zu wenig Jod zur Verfügung steht, versucht die Schilddrüse, diesen Mangel auszugleichen. Der wichtigste Antrieb dafür ist das Hormon TSH, das von der Hirnanhangsdrüse ausgeschüttet wird. TSH wirkt wie ein ständiger Wachstumsreiz: Es regt die Schilddrüsenzellen dazu an, aktiver zu arbeiten, größer zu werden und sich häufiger zu teilen. Dadurch sollen mehr Schilddrüsenhormone produziert werden, obwohl eigentlich zu wenig Jod vorhanden ist. Es ist, als würde man ein völlig erschöpftes Pferd immer wieder antreiben, obwohl es eigentlich kein Futter bekommt. Es soll schneller laufen, aber ihm fehlt die Energie und der Druck macht alles nur schlimmer.
Dieser dauerhafte TSH-Einfluss schaltet in der Schilddrüse verschiedene Wachstumsprogramme ein. Dazu gehört der Wachstumsfaktor IGF-1, der die Wirkung von TSH noch verstärkt und die Zellvermehrung zusätzlich fördert. Auch der sogenannte epidermale Wachstumsfaktor (EGF) spielt eine Rolle. Er wird sogar teilweise in der Schilddrüse selbst gebildet und begünstigt, dass bestimmte Zellbereiche stärker wachsen als andere. Dasselbe gilt für den Fibroblasten-Wachstumsfaktor FGF-2, der vorwiegend die Neubildung kleiner Blutgefäße in wachsendem Schilddrüsengewebe unterstützt, sodass sich einzelne Bereiche besser versorgen und leichter weiter vergrößern können.
Normalerweise besitzt die Schilddrüse auch natürliche Bremsen, die übermäßiges Wachstum verhindern. Einer dieser Mechanismen läuft über den Wachstumshemmer TGF-β. Bei langanhaltendem Jodmangel verliert dieser Hemmfaktor jedoch teilweise seine Wirkung. Dadurch reagieren manche Zellgruppen viel empfindlicher auf Wachstumssignale und beginnen stärker zu wachsen als ihre Umgebung. Zusätzlich produzieren die Schilddrüsenzellen selbst unter Stress weitere Wachstumsreize, etwa Botenstoffe und Faktoren wie VEGF, die die Durchblutung wachsender Knoten verbessern. So entsteht allmählich ein ungleichmäßiges Wachstum: Einige Zellgruppen reagieren besonders stark auf die Wachstumsfaktoren und nehmen im Volumen zu, während andere ruhig bleiben. Aus diesen stärker wachsenden Bereichen entwickeln sich schließlich Schilddrüsenknoten. Manche bleiben dabei ganz unauffällig, andere können später sogar beginnen, selbstständig Hormone zu produzieren – unabhängig vom TSH-Reiz. Insgesamt ist dieser Prozess also das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Jodmangel, dauerhafter Überstimulation durch TSH und mehreren körpereigenen Wachstumsfaktoren, die das Wachstum einzelner Zellareale begünstigen.
Jährlich werden hierzulande rund 100 000 bis knapp 120 000 Operationen an der Schilddrüse durchgeführt. Der häufigste Grund ist – ganz eindeutig und seit Jahrzehnten konstant – die gutartige, knotige Struma (multinoduläre Struma).
Die gute Nachricht: Mit einer regelmäßigen, ausreichend hohen Jodzufuhr lässt sich dem ganz einfach vorbeugen.
Quellen:
Krejberg A et al. Thyroid nodules in an eleven year DanThyr follow-up study. JCEM 2014; 99(12):4749-4754
Gräfe W, Scheibe S, Schwarz J, Liebig L, Voigt K, Schübel J. The myth of iodine: A systematic review and meta-analysis on the relationship between iodine and thyroid nodule. J Endocrinol Invest. 2025 Aug;48(8):1693-1706. doi: 10.1007/s40618-025-02606-4. Epub 2025 May 28. PMID: 40434566; PMCID: PMC12313809.
www.schilddruesenguide.de
www.jodmangel.de
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
