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Neue US-Ernährungspyramide – warum die Low Carb-Revolution so lange brauchte!
Hurra, hurra, die Revolution ist endlich da: Mehr als 160 Jahre, nachdem der englische Bestatter William Banting in seinem Buch „Letter of Corpulence, Adressed to the Public“ seine erfolgreiche Gewichtsabnahme durch eine stark kohlenhydratreduzierte Diät beschrieb, feiert die Low Carb-Therapie aus der Küche jetzt ihr größtes – und verdientes – Revival: Die US-Regierung veröffentlichte jetzt ihre neuen Ernährungsrichtlinien, die den Grundstein für die Ernährungspolitik der kommenden fünf Jahren legt.
Und sie startete mit einem Knall: Die gängige Ernährungs-Pyramide wurde einfach auf den Kopf gestellt! Noch bis 2024 galten Kohlenhydrate wie Brot, Cerealien, Reis und Körner auf „My plate“ – dem US-Nachfolger der Pyramide – als Basis der täglichen Kost; wie auch (Mager-)Fleisch, Geflügel oder Eier sollten nur sparsam verzehrt werden. Die Empfehlung, auf (zugesetzten) Zucker möglichst zu verzichten, galt aber auch.
In den neuen Ernährungsempfehlungen zählen jetzt Fleisch, Käse, Eier und Vollmilch (Vollfett!) – also tierische Proteine und gesättigte Fettsäuren – nebst einigen Gemüsesorten (z.B. Brokkoli, Tomaten, Hülsenfrüchte) quasi zu den neuen Grundnahrungsmitteln der Ernährungs-Pyramide; dafür ist jetzt Getreide („Whole Grains“ = Vollkorn!) an die dünne Spitze gerückt.
Auch Obstsorten mit hohem glykämischen Index wie Weintrauben, Bananen oder weißer Reis sind in der Pyramiden-Schublade „Seltener essen“ gelandet. Der Verzehr hoch verarbeiteter Lebensmittel wie Fertiggerichte soll reduziert werden. Süßigkeiten sind gleich gar nicht mehr abgebildet – raffinierte Kohlenhydrate, z.B. in Weißbrot, Tortillas, gezuckerten Limos oder Kuchen, werden weitgehend vom Speiseplan verbannt.
„Esst echtes Essen“, postete Gesundheitsminister Robert F. Kennedy jr. auf X, früher Twitter. Warum aber hat es so lange gedauert, bis die Gesundheitsgefahren durch Kohlenhydrat-Überkonsum in den Diät-Empfehlungen berücksichtigt werden –und damit Cholesterin und gesättigte Fettsäuren als „Staatsfeind Nummer Eins“ ablösen? Die Antwort mag in der Geschichte des Marketings für fettarme/-fettfreie Produkte liegen: 1952 hatte US-Biologe Ancel Keys von der University of Minnesota nach seiner „Sieben-Länder-Studie“ seine „Diät-Herz“-Hypothese in die Welt gesetzt. Die besagte, dass gesättigte Fette das Cholesterin im Blut erhöhen, was die Hauptursache für Herzinfarkte sei. Aber: Er hatte Daten aus 22 Ländern gesammelt – und die Daten aus 15 Ländern einfach ausgeschlossen. Das war der Start in die „Fettfrei-ist-gesund“-Ära.
Zusammen mit seinem Universitäts-Kollegen Ivor Frantz war Keys später an der Langzeitstudie „Minnesota Coronary Health Experiment“ (1968-1973) beteiligt. Die Studie schien seine Hypothese zu bestätigen und erklärte gesättigte Fettsäuren aus Butter für herzschädlich und Pflanzenöle für gesund. Nach dem Tod von Frantz (2009) aber fand dessen Sohn die Studiendaten – sie wurden 2016 im British Medical Journal publiziert. Ergebnis: Gesättigte Fettsäuren schadeten dem Herzen nicht; Pflanzenöle senkten zwar das Cholesterin im Blut, nicht aber die Sterblichkeit.
Mein Take: Die Gesundheits-Effekte durch Kohlenhydrat-Mast wurden nur selten in Studien berücksichtigt. Zeit, dass sich jetzt dauerhaft etwas dreht!
Quellen:
USDA-Ernährungspyramide 2025-2030:
https://realfood.gov/#resources
Minnesota-Herzstudie – die echten Daten:
https://www.scientificamerican.com/article/records-found-in-dusty-basement-undermine-decades-of-dietary-advice
BMJ-Auswertung der Studie:
Re-evaluation of the traditional diet-heart hypothesis: analysis of recovered data from Minnesota Coronary Experiment (1968-73). BMJ. 2024 Jun 28;385:q1450. doi: 10.1136/bmj.q1450. Erratum for: BMJ. 2016 Apr 12;353:i1246. doi: 10.1136/bmj.i1246. PMID: 38942429; PMCID: PMC11212600.
Über die Autorin:
Marion Meiners ist ausgebildete Verlagskauffrau und Journalistin und arbeitete viele Jahre für Zeitschriften als Redakteurin für Gesundheit und Ernährung. Zusammen mit Labor-Professor Hans-Peter Seelig schrieb sie das Buch „Laborwerte klar und verständlich“.
Ihre Begeisterung für Medizinthemen entdeckte sie in frühen Berufsjahren, nachdem ihr eine Verwandte einen Pschyrembel schenkte. Seither heißt ihr digitales „Wohnzimmer“ PubMed und die Faszination für die Ursachen-Fahndung bei Krankheiten sowie die Effekte von Ernährung und Lebensstil auf die Gesundheit hält an.
Das sagt sie über ihre Tätigkeit:
„Alles hängt mit allem zusammen im Körper. Das ist leider in unserer „Schubladen“-Medizin noch nicht so ganz angekommen. Ein Nährstoffmangel kann etwa ebenso fatale Auswirkung auf alle Organsysteme haben wie z.B. ein kranker Zahn. Umgekehrt kann schon eine veränderte Zusammenstellung der Makro-oder Mikronährstoffe in der Ernährung gigantische therapeutische Effekte entfalten. Welche, und wie gut belegt diese sind – darüber möchte ich informieren.“
