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Autophagie und Spermidin
Unser Körper besitzt ein faszinierendes Recyclingsystem, das lange Zeit unterschätzt wurde: die sogenannte Autophagie. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Selbstverzehr“. Auf dieses Thema bin ich bereits in der News vom 28.02.2026 näher eingegangen.
Autophagie wird vor allem durch „zellulären Stress“ aktiviert – etwa durch Kalorienreduktion, Fasten oder intensive körperliche Bewegung. Wenn der Körper weniger Energie von außen erhält, schaltet er auf Sparmodus und beginnt, alte oder beschädigte Zellbestandteile verstärkt zu recyceln. In diesem Zusammenhang wurde auch Spermidin intensiv untersucht.
Spermidin ist eine natürlich vorkommende Verbindung, die in nahezu allen lebenden Zellen enthalten ist. Der Name klingt ungewöhnlich, stammt aber historisch daher, dass die Substanz erstmals im menschlichen Samen entdeckt wurde. Heute weiß man, dass Spermidin auch in vielen Lebensmitteln vorkommt, insbesondere in:
- Weizenkeimen
- Vollkornprodukten
- Hülsenfrüchten
- Nüssen
- bestimmten Käsesorten
Unser Körper kann Spermidin aus der Aminosäure Ornithin teilweise selbst herstellen, zusätzlich nehmen wir es über die Nahrung auf.
Aber wie kommt man auf die Idee, ausgerechnet Spermidin mit Autophagie zu verknüpfen? Wissenschaftlern fiel zunächst auf, dass die Spermidin-Spiegel mit dem Alter abnehmen. Und solche Alterstrends sind für die Alternsforschung oft ein Hinweis, dass ein Stoff mehr sein könnte als nur ein einfacher „Zell-Baustoff“.
Der zweite wichtige Puzzlestein kam aus einem ganz anderen Bereich: Kalorienrestriktion (also weniger essen, ohne Mangelernährung) kann in vielen Modellen Alterungsprozesse verlangsamen. Einer der immer wiederkehrenden Mechanismen dahinter ist eben die vermehrte Autophagie.
Und dann kam der „Aha-Moment“ im Jahr 2009: In Experimenten verlängerte Spermidin die Lebensspanne in Modellorganismen – aber nur dann, wenn Autophagie überhaupt funktionieren konnte. Damals veröffentlichte eine Forschungsgruppe um den Biologen Frank Madeo (Universität Graz) eine Arbeit, die das Interesse an Spermidin grundlegend veränderte. Bis dahin galt das natürliche Polyamin vor allem als zellbiologisch interessant; doch nun rückte es ins Zentrum der Alternsforschung.
In ihren Experimenten zeigte das Team: Spermidin verlängert die Lebensspanne verschiedener Modellorganismen – von Hefezellen über Fruchtfliegen bis hin zu Fadenwürmern. Dass ein einzelnes Molekül in so unterschiedlichen Spezies vergleichbare Effekte erzielt, war bereits bemerkenswert. Der entscheidende Befund lag jedoch tiefer. Die Wissenschaftler blockierten gezielt Gene, die für die Autophagie notwendig sind – also für das zelluläre Recycling- und Reinigungsprogramm. Und plötzlich verschwand der lebensverlängernde Effekt von Spermidin vollständig.
Das war der Wendepunkt. Damit war klar: Spermidin wirkt nicht „irgendwie“ lebensverlängernd, sondern über einen klar definierbaren Mechanismus. Ohne funktionierende Autophagie kein Longevity-Effekt. Diese Erkenntnis macht Spermidin zu einem der spannendsten natürlichen Kandidaten in der Forschung zu gesundem Altern.
Diverse neuere Studien zeigen, dass Spermidin die Autophagie epigenetisch aktivieren kann – und zwar auf ähnliche Weise wie Fasten, jedoch ohne vollständigen Nahrungsverzicht. In Zell- und Tierstudien wurde beobachtet, dass eine erhöhte Spermidinzufuhr mit einer verbesserten Zellfunktion und teilweise sogar mit einer verlängerten Lebensspanne einherging.
Auch wenn die bisherigen Ergebnisse vielversprechend sind, bleiben die Basics entscheidend: eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ein insgesamt gesunder Lebensstil –ergänzt durch gelegentliche Fastenphasen. Spermidin ist dabei kein Ersatz fürs Fasten, kann es aber sinnvoll ergänzen.
Quellen:
Hao L, Zhang W, Peng X, Bai Y, Tian C, Zhang Y, Li D, Feng Z, Xu B, Xu Q. Spermidine promotes osteogenic differentiation of BMSCs via the m6A methylation-autophagy axis under inflammatory stress. Free Radic Biol Med. 2026 Mar 1;245:301-316. doi: 10.1016/j.freeradbiomed.2025.12.057. Epub 2026 Jan 2. PMID: 41485545.
Hofer SJ, Simon AK, Bergmann M, Eisenberg T, Kroemer G, Madeo F. Mechanisms of spermidine-induced autophagy and geroprotection. Nat Aging. 2022 Dec;2(12):1112-1129. doi: 10.1038/s43587-022-00322-9. Epub 2022 Dec 22. PMID: 37118547.
Satarker S, Wilson J, Kolathur KK, Mudgal J, Lewis SA, Arora D, Nampoothiri M. Spermidine as an epigenetic regulator of autophagy in neurodegenerative disorders. Eur J Pharmacol. 2024 Sep 15;979:176823. doi: 10.1016/j.ejphar.2024.176823. Epub 2024 Jul 18. PMID: 39032763.
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
