Wir verwenden Cookies, um Ihre Erfahrung zu verbessern. Um die neuen Datenschutzrichtlinien zu erfüllen, müssen wir Sie um Ihre Zustimmung für Cookies fragen. Weitere Informationen
Östrogenmangel und Stimmung: Die Rolle von Serotonin
„Ich erkenne mich selbst nicht mehr.“ Diesen Satz höre ich häufig von Frauen zwischen 40 und 50. Die Stimmung kippt ohne erkennbaren Grund, plötzlich sind da Niedergeschlagenheit, Angst oder sogar Panik. Viele erleben außerdem starke Reizbarkeit und innere Unruhe. Gerade in der Perimenopause ist das typisch: Östrogen schwankt, spielt „Achterbahn“ und sinkt gegen Ende deutlich ab. Weil Östrogen eng mit dem Serotonin-System verbunden ist, kann diese hormonelle Veränderung die Stimmung und das Nervensystem spürbar beeinflussen.
Serotonin ist, wie Sie als Strunz-News-Leserinnen und -Leser wissen, ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der maßgeblich an der Regulation von Stimmung, Schlaf, Appetit, Schmerzempfinden und Stressverarbeitung beteiligt ist. Ein ausgeglichener Serotoninspiegel unterstützt emotionale Stabilität, innere Ruhe und psychische Belastbarkeit. Ist die Serotoninaktivität vermindert, können depressive Verstimmungen, Ängste, Schlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit oder Konzentrationsprobleme auftreten.
Das Steroidhormon Östrogen wirkt direkt auf die Serotoninaktivität Serotonin. Es fungiert gewissermaßen als „Verstärker“ für das serotonerge System und sorgt dafür, dass Serotonin ausreichend gebildet wird, länger wirkt und besser verarbeitet werden kann. Es greift auf mehreren Ebenen gleichzeitig in den Serotoninstoffwechsel ein:
- Förderung der Serotoninproduktion
Serotonin wird aus der Aminosäure L-Tryptophan gebildet. Östrogen stimuliert dabei das Schlüsselenzym der Serotoninsynthese, die Tryptophan-Hydroxylase. Bei ausreichend Östrogen steht dem Gehirn dadurch mehr Serotonin zur Verfügung. Sinkt der Östrogenspiegel, verlangsamt sich dieser Prozess – die Serotoninproduktion nimmt ab. - Verlängerte Wirkdauer von Serotonin
Östrogen hemmt zudem den Serotonin-Transporter (SERT), der normalerweise Serotonin aus dem synaptischen Spalt zurück in die Nervenzelle transportiert. Durch diese Hemmung bleibt Serotonin länger aktiv. Dieser Mechanismus ähnelt dem Wirkprinzip vieler Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, SSRI), erfolgt jedoch auf natürlichem hormonellem Weg. - Sensibilisierung der Serotoninrezeptoren
Damit Serotonin seine Wirkung entfalten kann, müssen die entsprechenden Rezeptoren einwandfrei funktionieren. Östrogen erhöht sowohl die Anzahl als auch die Empfindlichkeit bestimmter Serotoninrezeptoren, insbesondere jener, die für Stimmung und Angstregulation wichtig sind. Das Gehirn reagiert dadurch sensibler auf Serotonin. - Neuroprotektive Wirkung
Östrogen schützt Nervenzellen vor oxidativem Stress und entzündlichen Prozessen. Entzündungen im Gehirn können die Serotoninsignalübertragung stören und stehen im Zusammenhang mit depressiven Symptomen (Kynurenin-Quinolinsäure-Pathway). Auch hier wirkt Östrogen stabilisierend. - Regulation des Stresssystems
Über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse beeinflusst Östrogen die Stressreaktion des Körpers. Ein stabiler Östrogenspiegel kann stressbedingten Serotoninabbau abmildern (ebenfalls Kynurenin-Quinolinsäure-Pathway). Bei Östrogenmangel ist das Stresssystem häufig überaktiv, was den Serotoninspiegel zusätzlich belastet.
Wenn der Östrogenspiegel sinkt – etwa in der Perimenopause oder auch nach der Geburt – verlieren viele der stabilisierenden Effekte auf das serotonerge System an Kraft. Serotonin wird dann oft weniger gebildet, schneller abgebaut, und die Rezeptoren reagieren weniger sensibel. Unterm Strich bedeutet das: weniger serotonerge Aktivität im Gehirn.
In meiner Praxis sehe ich, dass die (Peri-)Menopause Frauen besonders belasten dann kann, wenn sie ohnehin eine genetische Neigung zu niedrigeren Serotoninwerten mitbringen, zum Beispiel durch Varianten mit erhöhter MAO-A-Aktivität (4R-Variante). Verstärkend kommt häufig hinzu, wenn wichtige Bausteine für die Serotoninsynthese fehlen: Wenn L-Tryptophan, B-Vitamine oder Magnesium nicht ausreichend vorhanden sind, fehlt dem Körper die Grundlage für eine gute Serotoninsynthese.
Ganz unabhängig davon, ob man sich für eine bioidentische Hormonersatztherapie entscheidet oder nicht, lohnt es sich deshalb gerade in der Perimenopause, die Versorgung mit L-Tryptophan und den wichtigen Cofaktoren im Blick zu behalten. Das kann die Stimmung positiv unterstützen – und über die Melatoninbildung auch den Schlaf verbessern, ein weiteres typisches Wechseljahresthema.
Der Zusammenhang zwischen Östrogenmangel und Serotonin macht deutlich, wie eng Hormonsystem und psychisches Wohlbefinden miteinander verknüpft sind. Stimmungssymptome sind daher nicht „nur psychisch“, sondern häufig Ausdruck einer hormonellen Dysbalance.
Quellen:
Bendis PC, Zimmerman S, Onisiforou A, Zanos P, Georgiou P. The impact of estradiol on serotonin, glutamate, and dopamine systems. Front Neurosci. 2024 Mar 22;18:1348551. doi: 10.3389/fnins.2024.1348551. PMID: 38586193; PMCID: PMC10998471.
Del Río JP, Alliende MI, Molina N, Serrano FG, Molina S, Vigil P. Steroid Hormones and Their Action in Women's Brains: The Importance of Hormonal Balance. Front Public Health. 2018 May 23;6:141. doi: 10.3389/fpubh.2018.00141. PMID: 29876339; PMCID: PMC5974145.