Die Smartwatch meldet am Morgen einen hervorragenden HRV-Wert. Alles im grünen Bereich. Und trotzdem fühlen Sie sich müde, angespannt, innerlich unruhig.

Ein Widerspruch? Nein.
Er zeigt vielmehr, dass HRV mehr ist als ein einzelner Zahlenwert – und dass viele gängige Interpretationen zu kurz greifen.


HRV – kurz erklärt

Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) beschreibt die zeitlichen Schwankungen zwischen zwei Herzschlägen. Ein gesundes Herz schlägt nicht gleichmäßig, sondern reagiert flexibel auf innere und äußere Reize.

Diese Variabilität wird beeinflusst durch:

  • das autonome Nervensystem
  • die Atmung
  • Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse
  • Schlaf, Belastung und Erholung

HRV ist damit kein Leistungswert, sondern ein Marker für Anpassungsfähigkeit.


Der Denkfehler: HRV ist nicht gleich Vagus-Tonus

Lange galt eine einfache Formel:
Hohe HRV = starker Vagusnerv = gute Gesundheit.

Diese Gleichung ist biologisch zu grob.

Zwar spielt der Vagusnerv als Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems eine zentrale Rolle bei Erholung, Verdauung und Entzündungsregulation. Doch die HRV entsteht nicht allein durch vagale Aktivität.

Sympathische und parasympathische Impulse wirken gleichzeitig. Auch Hormone, Stoffwechselzustand und vor allem die Atmung beeinflussen den Herzrhythmus erheblich. HRV bildet dieses Zusammenspiel ab – nicht einen einzelnen Nerv.


Neue Klarheit aus der Forschung: Abschied von RSA

Ein wichtiger Impuls kam zuletzt aus der Grundlagenforschung. In einer aktuellen Übersichtsarbeit wurde vorgeschlagen, den Begriff RSA (Respiratory Sinus Arrhythmia) zu ersetzen.

Warum?
RSA suggeriert eine direkte, einfache Verbindung zwischen Atmung, Vagusnerv und HRV. Diese Vereinfachung führt seit Jahren zu Missverständnissen – sowohl in der Forschung als auch im Alltag.

Stattdessen wird der präzisere Begriff Respiratory HRV (RespHRV) empfohlen. Er macht deutlich:

  • Die Atmung beeinflusst HRV stark
  • aber nicht ausschließlich über den Vagusnerv
  • und nicht isoliert vom restlichen Nervensystem

Diese begriffliche Klarstellung ist mehr als Wortklauberei. Sie zwingt zu einer nüchterneren Interpretation von HRV-Daten.


Was Wearables messen – und was nicht

Die meisten Wearables erfassen eine Gesamt-HRV. Sie unterscheiden nicht, ob Veränderungen durch:

  • Atemfrequenz
  • Schlafmangel
  • Trainingsbelastung
  • psychischen Stress
  • oder Entzündungsprozesse

entstehen.

Das erklärt, warum ein einzelner hoher HRV-Wert nicht zwingend bedeutet, dass der Körper gut reguliert ist – und warum niedrige Werte nicht automatisch ein Alarmzeichen sein müssen.

HRV ohne Kontext ist biologisch unvollständig.


Drei HRV-Mythen – kurz überprüft

Mythos 1: Hohe HRV ist immer gut.
Nicht zwingend. Auch Übertraining, Erschöpfung oder hormonelle Dysbalancen können mit hoher HRV einhergehen.

Mythos 2: HRV misst direkt den Vagusnerv.
Nein. HRV ist ein indirekter Marker für autonome Flexibilität, kein Nerventest.

Mythos 3: HRV zeigt das biologische Alter.
Dafür gibt es bislang keine belastbare Evidenz.


Warum HRV trotzdem wichtig bleibt

Trotz aller Einschränkungen ist HRV kein nutzloser Wert. Richtig eingeordnet liefert sie wertvolle Hinweise auf:

  • die Belastungs-Erholungs-Balance
  • die Fähigkeit des Körpers, auf Stress zu reagieren
  • Veränderungen im autonomen Nervensystem über die Zeit

Entscheidend ist nicht der Tageswert, sondern der Trend über Wochen – immer im Zusammenhang mit Schlaf, Training, Stress und subjektivem Befinden.


Fazit: HRV ist ein Werkzeug, kein Orakel

HRV ist kein Gesundheitsurteil.
Sie misst nicht den Vagusnerv und sagt nichts über den Wert eines einzelnen Tages aus.

Was sie leisten kann:
Sie gibt Einblick in die Anpassungsfähigkeit eines komplexen biologischen Systems.

Wer HRV versteht, interpretiert sie nüchtern – und vermeidet falsche Sicherheit ebenso wie unnötige Sorge.

Was sich aus diesem Wissen praktisch ableiten lässt – und wie HRV sinnvoll beeinflusst werden kann –, darum geht es im zweiten Teil.



Studien & Quellen (Auswahl)

  • Menuet C. et al. (2025)
    Redefining respiratory sinus arrhythmia as respiratory heart rate variability (RespHRV): an international expert recommendation.
    Nature Reviews Cardiology, 2025
    → Aktueller Experten-Konsens: Ablösung des Begriffs „RSA“, klare Abgrenzung von HRV und Vagus-Tonus, Forderung nach präziserer Terminologie.
  • Thayer J. F., Åhs F., Fredrikson M. et al. (2012)
    A meta-analysis of heart rate variability and neuroimaging studies.
    Neuroscience & Biobehavioral Reviews
    → Zeigt: HRV spiegelt komplexe zentrale und periphere Regulationsprozesse wider – keine einfache Vagus-Messgröße.
  • Laborde S., Mosley E., Thayer J. F. (2017)
    Heart rate variability and cardiac vagal tone in psychophysiological research.
    Neuroscience & Biobehavioral Reviews
    → Klare methodische Einordnung: HRV ≠ direkter Vagus-Tonus, sondern Marker autonomer Flexibilität.


  • Über den Autor:


    Dr. Matthias Wittfoth macht Hirnforschung spürbar: Als Neurowissenschaftler, Diplom Psychologe und CEO der Dr. Wittfoth Longevity GmbH synchronisiert er Gehirn, Körper und Bewusstsein für messbar mehr Lebensjahre in Vitalität.

    Seine drei Power-Hebel

    1. Neuro-Longevity – Protokolle, die synaptische Alterung bremsen.
    2. Breath- & Kälte-Resets – Stress wird dort gelöst, wo er entsteht: im Nervensystem.
    3. KI-Personalisierung – individuelle Stacks statt One-Size-Fits-All.

    Dr. Wittfoth coacht Vorstände bei BCG & Co., interviewte in seinen Podcasts Inside Brains, Der Atemcode und Matthias X inspirierende Forscher, Künstler und Biohacking-Legenden. Ab Q4 2025 liefert sein neues Format einzigartige Impulse, die man nicht nur versteht, sondern sofort im eigenen Körper erlebt.

    Mission: Klarer denken. Tiefer fühlen. Länger leben. – Und genau das erwartet Sie in seinen News.


    Das Bild zeigt ein Porträt des News-Autors Matthias Wittfoth.