Trauma und dauerhafte Angst greifen tief in das Gehirn ein. Sie schwächen genau jene Bereiche, die für Planung, Impulskontrolle und Selbstführung zuständig sind. Wer so lebt, verliert oft die Fähigkeit für regelmäßige Selbstfürsorge. Bewegung, Schlaf, gutes Essen oder Pausen rutschen nach hinten, während schnelle Dopaminquellen wie Alkohol, kohlenhydratreiches Essen, Arbeit oder ständiges Scrollen nach vorne rücken. Ein Muster, das nichts mit fehlendem Willen zu tun hat, sondern mit neurobiologischer Überforderung.

Wie Trauma Selbstfürsorge blockiert

Trauma aktiviert die Alarmzentren des Gehirns, während der präfrontale Kortex, der für Struktur und Entscheidungen zuständig ist, leiser wird. Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass Angst und Anspannung die Führung übernehmen. Studien zeigen, dass Betroffene sich häufig schuldig fühlen, den eigenen Wert infrage stellen und Selbstfürsorge als unverdient empfinden. Viele ziehen sich zurück, vermeiden Auslöser und verlieren das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben. In dieser Gemengelage gewinnen schnelle Belohnungen an Bedeutung, weil sie kurzzeitig Entlastung bringen.

Warum Süchte oft stärker sind als gute Vorsätze

Wenn Angst und Trauma zusammen auftreten, steigt das Risiko für Sucht deutlich. Der Körper sucht nach Erleichterung, und dopaminreiche Verhaltensweisen liefern genau das. Alkohol beruhigt, kohlenhydratreiches Essen dämpft, Arbeit lenkt ab. Gleichzeitig fehlt die innere Stabilität, um gesunde Entscheidungen zu halten. Forschung zeigt, dass ein großer Teil der Menschen mit posttraumatischer Belastung eine Abhängigkeit entwickelt, weil Selbstfürsorge wie Achtsamkeit oder Schlafhygiene kaum erreichbar wirken. Die Folge ist ein Kreislauf aus Erschöpfung, Scham und weiterem Rückzug.

Wege aus der Blockade

Selbstfürsorge wird erst dann wieder möglich, wenn das Trauma selbst behandelt wird. Traumaorientierte Therapieformen können hier Türen öffnen. EMDR nutzt rhythmische Augenbewegungen, um belastende Erinnerungen zu verarbeiten und ihre emotionale Wucht zu verringern. Somatic Experiencing arbeitet mit Körperwahrnehmung, um den Nervensystemen Sicherheit zurückzugeben. Trauma fokussierte kognitive Therapie hilft, verzerrte Überzeugungen wie Schuld oder Wertlosigkeit zu korrigieren. Wenn diese Methoden greifen, sinkt die innere Alarmbereitschaft, der präfrontale Kortex gewinnt im Gehirn an Bedeutung und Selbstfürsorge wird zu einer realen Option statt zu einer Überforderung.

Heilung bedeutet nicht, dass die Vergangenheit verschwindet. Sie bedeutet, dass der Körper wieder genug Ruhe findet, um in der Gegenwart Entscheidungen für sich selbst treffen zu können.



Quelle:

Center for Substance Abuse Treatment (US). Trauma-Informed Care in Behavioral Health Services. Rockville (MD): Substance Abuse and Mental Health Services Administration (US); 2014. (Treatment Improvement Protocol (TIP) Series, No. 57.) Chapter 3, Understanding the Impact of Trauma. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK207191/



Über die Autorin:

"Dr. Kristina Jacoby arbeitet seit 2014 Dr. U. Strunz bei der Erstellung seiner Bücher zu. Besonders fasziniert ist sie von den physiologischen Abläufen im Organismus sowie den Möglichkeiten diese mit Lebensstilveränderungen positiv zu beeinflussen.
Physiologie und Genetik waren ihre Schwerpunkte in ihrem Biologie-Studium, welches sie 2002 abschloss. Von 2004 bis 2010 studierte und promovierte sie an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seit 2008 beschäftigt sie sich intensiv mit Meditation und praktiziert täglich.

Das sagt sie selbst zu Ihrer Tätigkeit:

„Jede Krankheit basiert auf Schieflagen im Organismus, die man aufspüren und verändern kann. Davon bin ich überzeugt. Mittlerweile gibt es etliche wissenschaftliche Veröffentlichungen, die das bestätigen. Leider ist das Wissen noch nicht in den Arztpraxen angekommen. Daher möchte ich dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen von diesen Möglichkeiten der Heilung erfahren und in die Lage versetzt werden, sie umzusetzen.“"


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Dr. Kristina Jacoby.