Haben Sie auch schon einmal davon gehört, dass man nur richtig denken oder visualisieren muss und schon kann man sich das Leben kreieren, das man sich wünscht? Funktioniert das bei Ihnen? Bei mir funktioniert es nicht. Jetzt könnte ich denken, ich habe es einfach noch nicht ausreichend perfektioniert. Glaube ich nicht, denn ich habe auch noch niemanden anderen im Leben getroffen, der sich sein Leben so erschaffen konnte, wie er oder sie es sich wünschte.

Wir Menschen mögen Bestimmtes, wie Gesundheit, stabile Beziehungen, finanzielle Sicherheit, vielleicht auch Erfolg. Das mag nicht auf jeden zutreffen, aber auf den Großteil. Was wir nicht so gerne mögen, sind Konflikte, Krankheiten, berufliche Rückschläge, politische Krisen oder Umweltkatastrophen. Je nachdem ob wir etwas mögen, oder etwas nicht mögen, entstehen spezielle Emotionen und Gefühle im Gehirn.


Das Problem mit dem Wegwünschen

Das Leben ist kein Wunschkonzert. Herausfordernde Situationen werden kommen. Immer wieder. Das war in der Steinzeit so, das ist im 21. Jahrhundert so. Der Versuch, nur angenehme Erfahrungen manifestieren zu wollen, führt, meiner Meinung nach, eher zu Frust als zu Freiheit.

Heißt das, Denken spielt keine Rolle? Im Gegenteil!

Aber nicht, indem wir uns bestimmte Ereignisse herbeiwünschen und andere verdrängen. Sondern indem wir lernen, unser Denken zu beobachten.


Beobachten statt Verschmelzen

In der Psychologie nennt man das Decentering oder Meta-Awareness. Wissenschaftler aus Israel beschreiben es 2015 in Perspectives on Psychological Science als die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle als vorübergehende mentale Ereignisse zu betrachten. Sie unterscheiden diesen Zustand klar von dem Zustand mit bestimmten Gedanken oder Gefühlen zu verschmelzen. Sprachlich könnte man die verschiedenen Zustände wie folgt beschreiben: „Ich beobachte Wut in mir.“ Versus: „Ich bin blind vor Wut.“

Wer in herausfordernden Situationen die sogenannte Meta-Awareness aufrechterhalten kann, reagiert weniger impulsiv. Grübelt weniger. Identifiziert sich weniger mit jedem inneren Drama. Studien zeigen, dass genau diese Fähigkeit depressive Symptome reduziert und emotionale Stabilität fördert. Das bedeutet nicht, dass Schmerz verschwindet. Aber wir sind nicht mehr komplett mit ihm identisch. Da ist Wut. Da ist Angst. Aber da ist auch ein innerer Beobachter.


Dieser Unterschied verändert alles

Tägliche Meditation ist ein Training genau dafür. Ein mentales Fitnessprogramm. Wir trainieren unser Denken wie einen Muskel. Körperliche Fitness fällt nicht vom Himmel. Zufriedenheit auch nicht. Die Fähigkeit, sich nicht in jedem Gedanken zu verlieren, ebenfalls nicht.

Entscheidend ist das tägliche Üben. Bis ans Lebensende.



Quelle:

Bernstein A, Hadash Y, Lichtash Y, Tanay G, Shepherd K, Fresco DM. Decentering and Related Constructs: A Critical Review and Metacognitive Processes Model. Perspect Psychol Sci. 2015;10(5):599-617. doi:10.1177/1745691615594577