Die Labordiagnostik zum Erkennen einer Insulinresistenz gehört auch in meiner Praxis zum Standard. Bei dieser Stoffwechselstörung reagieren die Körperzellen zunehmend schlechter auf Insulin. Die Bauchspeicheldrüse kann dies zunächst noch kompensieren, indem sie mehr Insulin ausschüttet. Dadurch kann der Blutzucker über längere Zeit noch im normalen Bereich liegen. Die morgendliche Nüchternglukose kann trotz beginnender Insulinresistenz noch unauffällig sein. In der üblichen Laborroutine, beispielsweise beim gesetzlichen Gesundheits-Check-up alle drei Jahre beim Hausarzt, fällt eine solche frühe Stoffwechselveränderung daher in der Regel nicht auf. Langfristig kann eine Insulinresistenz allerdings die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes begünstigen.

Auch bei jüngeren und normalgewichtigen Menschen sehe ich gelegentlich eine Insulinresistenz. Dies zeigt mir ein erhöhter HOMA-Index. Dieser rechnerische Marker wird aus Nüchternglukose und dem gleichzeitig bestimmten Nüchterninsulin ermittelt. Ein erhöhter HOMA-Index kann auf eine verminderte Insulinsensitivität hinweisen, noch bevor der Nüchternblutzucker deutlich ansteigt. Für die Betroffenen ist das manchmal schwer nachvollziehbar: Sie sind jung, sportlich, normalgewichtig, ernähren sich bewusst und trotzdem zeigen sich erste Auffälligkeiten im Zuckerstoffwechsel. Oft ist der Langzeitblutzucker – der HbA1c – Wert – auch noch im normalen Bereich. Was lässt sich in einem solchen Fall tun?

In diesem Zusammenhang ist mir eine aktuelle Metaanalyse aufgefallen, die den möglichen Einfluss von Melatonin auf den Glukosestoffwechsel untersucht hat. Ausgewertet wurden 31 randomisierte kontrollierte Studien. Die Teilnehmer erhielten zwischen 1 und 10 mg Melatonin täglich über Zeiträume von zwei Wochen bis zu einem Jahr. Die Ergebnisse waren interessant, denn der Nüchternblutzucker wurde durch Melatonin insgesamt nicht signifikant gesenkt. Bei anderen Stoffwechselparametern zeigte sich jedoch ein günstigeres Bild: HbA1c, Nüchterninsulin und der HOMA-Index verbesserten sich.

Die Autoren sehen darin Hinweise darauf, dass Melatonin möglicherweise eine regulierende Rolle im Glukosestoffwechsel spielt und sich günstig auf die Insulinsensitivität auswirken könnte. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt. Denkbar ist aber Folgendes: Melatonin bindet an Rezeptoren, die sich nicht nur im Gehirn befinden. Melatoninrezeptoren finden sich unter anderem auch in der Bauchspeicheldrüse und in verschiedenen stoffwechselaktiven Geweben. Experimentelle Untersuchungen sprechen dafür, dass Melatonin Signalwege beeinflussen kann, die an Glukosestoffwechsel und Insulinwirkung beteiligt sind. Hinzu kommen mögliche antioxidative und entzündungsmodulierende Effekte.

Besonders spannend finde ich jedoch die Verbindung zu unserer inneren Uhr. Melatonin ist eines der wichtigsten nächtlichen Zeitsignale unseres Körpers. Stoffwechsel und Insulinempfindlichkeit unterliegen ebenfalls einem ausgeprägten Tag-Nacht-Rhythmus. Licht in der Nacht, Schichtarbeit, Schlafmangel und ein dauerhaft verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus können sowohl die Melatoninsekretion als auch den Stoffwechsel beeinflussen.

Damit rückt bei einer Insulinresistenz neben Ernährung, Bewegung und Körpergewicht noch ein weiterer Faktor in den Fokus: unser zirkadianer Rhythmus.

Für die Praxis bedeutet das für mich vor allem: Bei auffälligem Zuckerstoffwechsel lohnt es sich, nicht nur auf Ernährung, Mikronährstoffe und Bewegung zu schauen, sondern auch Schlaf, Lichtverhalten und den individuellen Tag-Nacht-Rhythmus mit einzubeziehen. Konkret bedeutet dies: Melatonin messen und ggfs. substituieren bzw. die Eigensynthese stärken. Als Strunz-News-Leserinnen und -Leser wissen Sie ja, wie das geht (hier nachlesen: Dr. Ulrich Strunz: Schlafprobleme, 12.10.2018).




Quelle:

Dias GZT, Tessarin GWL, Ferreira RL, de Souza KB, Toro LF, Nobumoto ACTY, Santos RM. Melatonin supplementation improves insulin resistance markers but not fasting glucose: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Diabetes Res Clin Pract. 2026 Jul;237:113290. doi: 10.1016/j.diabres.2026.113290. Epub 2026 May 1. PMID: 42070664.

Owino S, Buonfiglio DDC, Tchio C, Tosini G. Melatonin Signaling a Key Regulator of Glucose Homeostasis and Energy Metabolism. Front Endocrinol (Lausanne). 2019 Jul 17;10:488. doi: 10.3389/fendo.2019.00488. PMID: 31379753; PMCID: PMC6651071.