Im vergangenen Herbst sorgte eine Meldung aus den USA für erhebliche Aufmerksamkeit: Die langfristige Einnahme von Melatonin könne möglicherweise das Risiko für Herzschwäche erhöhen. Entsprechende Schlagzeilen verbreiteten sich schnell, vor allem auch in den sozialen Medien. Und auch ich wurde damals von mehreren besorgten Patienten und Lesern gefragt, ob sie ihr Melatonin nun besser absetzen sollten. Doch was war eigentlich passiert?
Im November 2025 wurden auf dem Kongress der American Heart Association (AHA) Ergebnisse einer großen Beobachtungsstudie vorgestellt. Es handelte sich nicht um eine vollständige, peer-reviewte wissenschaftliche Publikation, sondern um ein Konferenzabstract. Die American Heart Association selbst bezeichnete die Ergebnisse deshalb auch als vorläufig.
Die Forscher hatten elektronische Gesundheitsdaten von mehr als 130.000 Erwachsenen mit chronischen Schlafstörungen ausgewertet. Personen, bei denen eine längerfristige Melatonineinnahme dokumentiert war, entwickelten innerhalb von fünf Jahren häufiger eine Herzinsuffizienz als vergleichbare Personen ohne dokumentierte Melatonineinnahme: 4,6% gegenüber 2,7%. Doch ein statistischer Zusammenhang bedeutet noch lange nicht, dass Melatonin die Herzschwäche tatsächlich verursacht hat.
Die Teilnehmer erhielten nämlich nicht nach dem Zufallsprinzip Melatonin oder ein Placebo. Stattdessen werteten die Forscher bereits vorhandene Gesundheitsdaten (Daten aus Versicherungsstatistiken) aus. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Menschen nehmen Melatonin normalerweise nicht ohne Grund. Häufig bestehen chronische Schlafstörungen, teilweise aber auch Depressionen, Angststörungen oder andere gesundheitliche Probleme. Einige dieser Faktoren können selbst mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden sein.
Hinzu kommt die Möglichkeit der sogenannten umgekehrten Kausalität. Das bedeutet, dass eine sich langsam entwickelnde Herzinsuffizienz bereits Schlafprobleme verursachen kann, bevor die Herzerkrankung überhaupt diagnostiziert wird. Ein Betroffener könnte deshalb wegen seiner Schlafprobleme Melatonin einnehmen. Jahre später wird vielleicht die Herzinsuffizienz erkannt.
In den Gesundheitsdaten steht dann scheinbar zuerst das Melatonin und danach die Herzinsuffizienz, obwohl die beginnende Herzerkrankung möglicherweise schon vorher vorhanden war.
Inzwischen liegen weitere Daten vor, die das vermeintliche Warnsignal von 2025 deutlich relativieren. Eine 2026 veröffentlichte Analyse von Daten der großen amerikanischen NHANES-Gesundheitsstudie fand nach statistischer Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren keinen signifikanten Zusammenhang zwischen einer dokumentierten Melatonineinnahme und Herzinsuffizienz.
Auch diese Untersuchung kann allerdings weder beweisen, dass Melatonin das Herz schützt, noch dass eine langfristige Einnahme vollkommen risikofrei ist. Sie zeigt vielmehr, wie schwierig es ist, aus Beobachtungsdaten einen ursächlichen Zusammenhang abzuleiten.
Interessant ist außerdem eine 2026 veröffentlichte Metaanalyse von 14 randomisierten Studien mit insgesamt 1.027 Teilnehmern. Auch hier ergab sich kein Hinweis darauf, dass Melatonin grundsätzlich die Herzfunktion verschlechtert. Bei einigen untersuchten Patientengruppen zeigte sich sogar eine günstigere Entwicklung der Herzfunktion. Allerdings waren die Studien relativ klein und untersuchten unterschiedliche kardiologische Situationen.
Die spektakuläre Behauptung „Melatonin verdoppelt das Risiko für Herzinsuffizienz“ lässt sich nach dem derzeitigen Forschungsstand also nicht aufrechterhalten.
Neuere Daten liefern bislang kein überzeugendes Signal dafür, dass Melatonin selbst das Herz schädigt. Gleichzeitig fehlen weiterhin große randomisierte Langzeitstudien, mit denen sich diese Frage endgültig beantworten ließe.
Mein Fazit: Bislang gibt es weiterhin keinen überzeugenden Beleg dafür, dass Melatonin Herzschwäche verursacht. Wer Melatonin zur Unterstützung des Schlafes einnimmt und gut damit zurechtkommt, muss es aufgrund der Schlagzeilen von 2025 nicht vorschnell absetzen. Im Gegenteil: Melatonin ist weit mehr als ein „Schlafhormon“. Als körpereigenes Hormon reguliert es unseren Tag-Nacht-Rhythmus und besitzt darüber hinaus antioxidative und zellschützende Eigenschaften. Die aktuellen Forschungsdaten geben mir daher keinen Anlass, meine bisherige Haltung zu Melatonin zu ändern: Ich setze es weiterhin gezielt in meiner Praxis ein und nutze es auch selbst.
Quellen:
Ang SP, Chia JE, Thirupathy U, Laezzo M, Jaiswal V, Varon J, Halma M, Lee E, Davidson G, Iglesias J. Melatonin Supplementation and Cardiovascular Outcomes: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Trials. J Clin Med. 2026 Apr 30;15(9):3444. doi: 10.3390/jcm15093444. PMID: 42123177; PMCID: PMC13164420.
Khan B, Lima BB. Melatonin and cardiovascular risk: an NHANES reality check after recent heart failure concerns. Open Heart. 2026 May 21;13(1):e004108. doi: 10.1136/openhrt-2026-004108. PMID: 42167796; PMCID: PMC13202109.
Domínguez-Rodríguez A, Abreu-González P, Báez-Ferrer N, Reiter RJ, Avanzas P, Hernández-Vaquero D. Melatonin and Cardioprotection in Humans: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Front Cardiovasc Med. 2021 May 12;8:635083. doi: 10.3389/fcvm.2021.635083. PMID: 34055929; PMCID: PMC8149621.