Manche Menschen reagieren auf einen scharfen Tonfall, auf Kritik oder auf unberechenbares Verhalten von Menschen in ihrer direkten Umgebung stärker, als es in der Situation eigentlich angemessen wäre. Das passiert nicht ohne Grund. Oft hat der Körper früh gelernt, wachsam zu sein. Belastende Erfahrungen in der Kindheit können das Stresssystem so prägen, dass es Jahrzehnte später auch in sicheren Situationen, viel zu schnell in Alarm gerät.
Wie häufig sind belastende Kindheitserfahrungen
Belastende Kindheitserfahrungen können sehr unterschiedlich sein. Zu ihnen zählen nicht nur Gewalterfahrungen, sondern auch emotionale Vernachlässigung, eine schwer erkrankte Bezugsperson oder schlichtweg Eltern, die selbst nicht genügend Schutz und Fürsorge in ihrer eigenen Kindheit erfahren haben. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 wertete Daten von über 2,1 Millionen Erwachsenen aus 28 europäischen Ländern aus. Fast 38 Prozent hatten mindestens eine solche Erfahrung gemacht, gut 15 Prozent sogar zwei oder mehr. Bei zwei oder mehr belastenden Erfahrungen war das statistische Risiko für Depression, Angststörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich höher. Aus diesen Daten kann man nicht eindeutig ableiten, dass belastende Kindheitserfahrungen zu einer Erkrankung geführt haben, aber die schlichte Korrelation spricht für einen Zusammenhang, der auch physiologisch logisch ist.
Warum die Gegenwart im Erwachsenenalter weiterhin unterschwellig unsicher wirkt
Das Nervensystem entwickelt sich in der Umgebung, die ein Kind wiederholt erlebt. War diese Umgebung unvorhersehbar oder bedrohlich, war es sinnvoll, jede Veränderung im Tonfall oder in der Mimik genau zu registrieren. Diese Fähigkeit erwerben einige Menschen unbewusst im Kindesalter und wenden das ständige Scannen anderer Personen dann auch im Erwachsenenalter an. Das strengt an und hält das Nervensystem zu häufig in Alarmbereitschaft. Aber selbst ohne Bedrohungen in der Kindheit, sondern nur bei mangelnder emotionaler Verfügbarkeit der Eltern, kann es im Erwachsenenalter zu einer schnellen Aktivierung von Stressreaktionen kommen. Eine knappe E-Mail vom Vorgesetzten oder ein Streit mit dem Partner können dann dieselben Alarmreaktionen auslösen wie problematische Erfahrungen in der Kindheit. Viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, dass ein Teil ihres Stresses nicht durch die aktuellen Situationen hervorgerufen wird, sondern durch die Vermischung erlernter Reaktionen aus der Kindheit mit den aktuellen Ereignissen.
Ein dysreguliertes Nervensystem beruhigen
Der erste Schritt ist es, praktische Sicherheit zu erlangen und einen stabilen Alltag mit ausreichend Schlaf, Bewegung, einer regelmäßigen und nährstoffreichen Ernährung und verlässlichen Beziehungen zu etablieren. In einigen Fällen kann die spezielle Therapieform EMDR helfen. Was EMDR ist, erkläre ich in einem weiteren Artikel. Das Ziel der Therapie besteht darin, dem Körper beizubringen, zwischen damals und heute zu unterscheiden. Das ist in jedem Alter möglich.
Quellen:
Hughes K, Ford K, Bellis MA, Glendinning F, Harrison E, Passmore J. Health and financial costs of adverse childhood experiences in 28 European countries: a systematic review and meta-analysis. Lancet Public Health. 2021;6(11):e848-e857. doi:10.1016/S2468-2667(21)00232-2