Das Fatigue-Syndrom, das offiziell als Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) bezeichnet wird, schränkt Betroffene massiv in ihrer Lebensqualität ein. Einige werden sogar bereits in jungen Jahren zu Pflegefällen. Die medizinische Forschung ist diesem Syndrom immer noch nicht auf die Spur gekommen. Symptome sind anhaltende, lähmende Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht bessert, Konzentrationsprobleme, Muskelschmerzen und eine überwältigende Reaktion auf kleinste Anstrengungen. Jedoch leidet fast jeder Betroffene an anderen Symptomen. Manche Patienten kämpfen vor allem mit starken Schmerzen, andere mit kognitiven Ausfällen und wieder andere mit einer ausgeprägten Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm.

Auch wenn vieles noch unerforscht ist, sind sich Forschende größtenteils einig: ME/CFS wird nicht allein durch eine einzige Ursache ausgelöst. Auch können sich die Ursachen von Patient zu Patient erheblich unterscheiden.

Zu den Kandidaten, die immer öfter in den Fokus der Forschung rücken, gehören Herpesviren, genauer gesagt der Typ HHV-6 (Humanes Herpesvirus 6). Dieser Virus infiziert den Großteil der Bevölkerung bereits im Kindesalter und bleibt danach dauerhaft im Körper. Ein starkes Immunsystem hält das Virus in Schach. Schwächelt es allerdings aufgrund von chronischem Stress, einer sehr proteinarmen (veganen oder vegetarischen) Ernährung oder durch eine weitere Virusinfektion, wie durch das Coronavirus, oder durch eine Kombination mehrerer Veränderungen, kann das Virus reaktiviert werden.


Was passiert, wenn HHV-6 reaktiviert wird

Ein deutsches Forschungsteam aus Würzburg, Erlangen und Berlin hat hierzu eine Studie in einem Fachjournal veröffentlicht. Die Wissenschaftler analysierten, was in Zellen passiert, wenn HHV-6 reaktiviert wird. Es kommt zu tiefgreifenden Veränderungen in den Zellen. Besonders problematisch ist die Fragmentierung der Mitochondrien. In gesunden Zellen verbinden sich die Tausende von Mitochondrien zu mehreren großen Verbänden. Nur wenn in den Zellen etwas nicht stimmt, zerfallen sie in viele kleine Einheiten. Diese sogenannten fragmentierten Mitochondrien sind beschädigt und ihre Fähigkeit, Energie herzustellen, ist erheblich gemindert. Genau dieser Prozess wurde von den Wissenschaftlern beobachtet, wenn Zellen mit HHV-6 in Kontakt kamen.


Wie sich eine HHV-6-Reaktivierung nachweisen lässt

Die üblichen Antikörpertests im Blut zeigen lediglich, ob jemand irgendwann in seinem Leben mit HHV-6 in Kontakt gekommen ist. Da dies auf nahezu jeden Erwachsenen zutrifft, ist dieser Befund wenig aussagekräftig.

Eine Alternative bietet der Lymphozytentransformationstest (LTT). Dabei werden Immunzellen aus dem Blut des Patienten im Labor mit Virusantigenen zusammen gebracht. Reagieren die Zellen mit erhöhter Aktivität, deutet das auf eine aktive Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Virus hin. Absolute Sicherheit bietet jedoch auch dieser Test nicht, da das Ergebnis von der aktuellen Verfassung des Immunsystems abhängt.

Es ist deshalb sinnvoll, weitere Laborwerte hinzuzuziehen. Bei vielen ME/CFS-Patienten mit Verdacht auf eine HHV-6-Beteiligung finden sich im Blutbild gleichzeitig verminderte Leukozyten und erhöhte Monozyten. Leukozyten sind weiße Blutkörperchen und somit allgemeine Abwehrzellen des Immunsystems. Monozyten sind eine Untergruppe der Leukozyten, die bei anhaltenden Entzündungsprozessen vermehrt ausgeschüttet wird.




Quelle:

Schreiner P, Harrer T, Scheibenbogen C, et al. Human Herpesvirus-6 Reactivation, Mitochondrial Fragmentation, and the Coordination of Antiviral and Metabolic Phenotypes in Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome. Immunohorizons. 2020;4(4):201-215. Published 2020 Apr 23. doi:10.4049/immunohorizons.2000006