Zum Glück gibt es immer mehr Ärzte, die sich bemühen, den Elefanten im Raum beim Namen zu nennen. Nach wie vor ist der Herzinfarkt bzw. die koronare Herzerkrankung (KHK) Todesursache Nummer eins. Und zu einem solchen Fall gibt uns Dr. med. Anette Bosworth ein „schönes“ Beispiel. Sie betreute einen Vorzeigepatienten, 68 Jahre alt, der brav alles gemacht hat, was ihm sein Kardiologe angeraten hat. Er hat brav mit Medikamenten seine Blutfette gesenkt. Sein LDL im Blut lag bei nur 7 mg/dl, das Ziel des Kardiologen war, das LDL unter 100 mg/dl zu bringen. Die Erfolgsgeschichte hatte nur einen ganz kleinen Haken: Bei diesem Patienten wurde auch der Calcium-Score (CAC) ermittelt. Und in dieser Zeit, in der seine Blutfette „perfekt“ waren, stieg sein CAC von 603 auf über 2000. Da fragt Anette Bosworth zu Recht: „Wie kann das sein?“

Wir Strunzianer haben natürlich eine Idee: Hat der Patient sich korrekt ernährt? Wurde die Ernährung im Rahmen der Maßnahmen umgestellt? Natürlich nicht, und genau hier liegt der Hase im Pfeffer, wie die Studie des Teams um Samia Mora zeigt. Sie haben in Summe 28.024 Frauen mit KHK untersucht und dabei viele Risikoparameter betrachtet. Warnung: Es ist nur eine epidemiologische Auswertung, aber immerhin eine, die genau misst. Schauen wir uns das Ergebnis an:



Anhand des sogenannten LPIR-Werts identifiziert die Studie eine Gruppe von Frauen, die noch keine 55 Jahre alt waren und die ein im Vergleich zur Kontrollgruppe um 540 Prozent erhöhtes Risiko für eine koronare Herzerkrankung aufwiesen.


Was genau stellt der LPIR dar?

Ein LPIR-Score (oft auch LP-IR Score) ist ein Wert, der das Risiko einer Fettleber anhand eines Bluttests einschätzt. LPIR steht für Lipoprotein Insulin Resistance und wurde ursprünglich entwickelt, um den Grad der Insulinresistenz zu messen. Da Insulinresistenz eng mit einer Fettleber zusammenhängt, wird der Score auch als Hinweis auf ein erhöhtes Risiko für eine metabolisch bedingte Fettleber genutzt. Der Score basiert auf der Analyse verschiedener Eigenschaften von Lipoproteinen (Fetttransportpartikeln im Blut), darunter zum Beispiel:

  • Größe und Anzahl von LDL-Partikeln,
  • Größe und Anzahl von HDL-Partikeln,
  • Größe und Konzentration von VLDL-Partikeln.

Das sind im Übrigen exakt die Werte, die ich in meinem Ratgeber „Der ganzheitliche Cholesterinratgeber“ nenne. Es sind indirekte Werte, um auf den Elefanten im Raum hinzuweisen: Insulin. Der Patient war nämlich bereits Prädiabetiker, was zur Folge hat, dass sein Nüchternblutzucker bei 120 mg/dl statt bei „gesunden“ 90 mg/dl lag. Das bedeutet häufig, dass der Körper nicht mehr korrekt auf Insulin reagiert und dadurch eben nicht nur der Nüchternblutzucker zu hoch ist, sondern die Blutzuckerspitzen nach jedem Essen viel zu stark ansteigen im Vergleich zu einem gesunden Menschen.


Was nehmen wir mit?

Es ist mal wieder das Thema Insulin, das Licht ins Dunkel bringt. Es hilft nichts, einige Blutfette künstlich zu senken, denn diese Blutfette sind nicht der wahre Grund für die Entstehung von Gefäßerkrankungen, wie sie oben beschrieben wurden. Es ist und bleibt die falsche Ernährung und die damit verbundene Insulinresistenz. In meinem Cholesterinratgeber wird der Fund aus der Studie zudem bestätigt. Dort fand sich über alle Patienten hinweg ein um 570 Prozent höheres Risiko bei erhöhtem Insulin.




Quellen:

  • Association of Lipid, Inflammatory, and Metabolic Biomarkers With Age at Onset for Incident Coronary Heart Disease in Women, Samia Mora et al., 2021, DOI: 10.1001/jamacardio.2020.7073

  • Hyperinsulinemia is a predictor of new cardiovascular events in Colombian patients with a first myocardial infarction, Ronald Garcia et al., 2011, DOI: 10.1016/j.ijcard.2009.10.030