Wie gesund ist „normal“, was die Referenzwerte von Vitaminen angeht? Zumindest was die „Normalwerte“ von Vitamin B12 (Cobalamin) angeht, ist diese Frage jetzt – glücklicherweise – auf den Prüfstand gekommen.
Dass ein Mangel u.a. zu neurologischen Störungen oder kognitiven Einschränkungen führen kann, ist belegt. Wie gut aber können „normale“ empfohlene Cobalaminspiegel im Blut davor schützen? Dieser Frage ging jetzt eine Forschergruppe der University of California, San Franciso (USA) in einer Studie nach, die kürzlich in den „Annals of Neurology“ erschien. Vorab: Das Ergebnis ist erschreckend.
Für ihre Kohortenstudie hatte die Arbeitsgruppe um Alexandra Beaudry-Richard und den Neuroimmunologen Ari J. Green 231 ältere gesunde Probanden (Durchschnittsalter: 71,2 Jahre) mit einer als normal geltenden Vitamin B12-Konzentration im Blut (im Schnitt 414,8 Pikomol) pro Liter Blut rekrutiert und anschließend durch bildgebende Verfahren, funktionelle neurologische Test und umfassende Blutanalysen genauer untersucht. Keiner der TeilnehmerInnen litt zu Studienbeginn an Demenz oder leichten kognitiven Störungen.
Dennoch maßen die Forscher Abweichungen bei der Denkgeschwindigkeit, in der Struktur bestimmter Hirnregionen sowie bei der Signalverarbeitung im Gehirn. Bei Probanden mit niedrigeren Blutspiegeln an aktivem Vitamin B12 (Holo-Transcobalamin) fanden die Wissenschaftler mithilfe von MRT-Aufnahmen häufiger Veränderungen in der weißen Hirnsubstanz, was u.a. mit Gedächtnis-und Koordinationsstörungen, Schlaganfällen sowie (vaskulärer) Demenz assoziiert ist. Die weiße Hirnsubstanz gilt als „Kommunikations-Highway“ im Gehirn, da sie über Nervenfasern verschiedene Gehirnregionen miteinander „verschaltet“.
Erkenntnis der Forscher: Während üblicherweise und laut den meisten Leitlinien erst Vitamin B12-Werte von weniger als 200 Pikomol pro Liter Blut einen Mangel anzeigen und oft durch eine Anämie (Blutarmut) auffällig werden, zeigte sich in ihrer Studie, dass schon Werte von unter 408 Pikomol je Liter Blut, also Werte im Normalbereich, mit Veränderungen im Gehirn und im Denkvermögen einhergehen. Weshalb die Autoren eine Neubetrachtung der Vitamin B12-Grenzwerte in den Behandlungsleitlinien fordern, da die darin genannten Mangelwerte ihrer Ansicht nach viel zu tief angesetzt worden sind – und sich Veränderungen im Gehirn schon früher zeigen.
„Eine Überarbeitung der Definition des B12-Mangels zur Einbeziehung funktioneller Biomarker könnte zu einer früheren Intervention und Prävention des kognitiven Verfalls führen“, sagt Senior-Autor Ari J. Green.
PS: Auch in deutschen Laboren gelten erst B12-Werte von unter 200 pmol/l oder gar erst unter 148 pmol/l als Mangel... Zum Schutz von Gehirn und Nerven sind einigen Studien zufolge aber Werte von über 600 pmol/l erforderlich. Messen – und auffüllen, heißt also die Devise!
Quellen:
Alexandra Beaudry‐Richard, Ahmed Abdelhak, Rowan Saloner, Simone Sacco, Shivany C. Montes, Frederike C. Oertel, Christian Cordano, Nour Jabassini, Kirtana Ananth, Apraham Gomez, Azeen Keihani, Makenna Chapman, Sree Javvadi, Shikha Saha, Adam Staffaroni, Christopher Songster, Martin Warren, John W. Boscardin, Joel Kramer, Bruce Miller, Joshua W. Miller, Ralph Green, Ari J. Green. Vitamin B12 Levels Association with Functional and Structural Biomarkers of Central Nervous System Injury in Older Adults. Annals of Neurology, 2025; 97 (6): 1190 DOI: 10.1002/ana.27200
https://www.sciencedaily.com/releases/2026/05/260522031001.htm
Hiroaki Kanouchi, Ayaka Yamamoto, Akiko Kuwabara, Shigeo Takenaka, Eiji Nishikubo,Yukihiro Nomura, Takehiro Naruto, Kyosuke Watanabe, Kei Mizuno, Yasuyoshi Watanabe.Associations of Plasma Homocysteine Reflecting Vitamin B12 and Folate Status withFatigue-Related Outcomes in Healthy Adults. Nutrients, 2026; 18 (6): 941 DOI:10.3390/nu18060941