Neulich in meiner Praxis: Ein Mann Anfang vierzig kam mit heftigen Schulterschmerzen zu mir. Schon beim Ausziehen seiner Jacke verzog er das Gesicht. „Dabei wollte ich doch endlich etwas für meine Gesundheit tun“, sagte er fast entschuldigend.

„Was haben Sie denn gemacht?“
„Ich gehe seit vier Wochen jeden Tag ins Fitnessstudio. Richtig schwere Gewichte. Ohne Fleiß kein Preis.“

Ich lächelte in mich hinein. „Und dürfen sich Ihre Muskeln auch mal erholen?“
Er schaute mich an, als hätte ich eine völlig überflüssige Frage gestellt.
„Gar nicht. Ich trainiere doch jeden Tag.“

Genau das war sein Fehler.
Wir Menschen glauben erstaunlich oft, dass VIEL automatisch besser sei.
Wenn Bewegung gesund ist, muss tägliches Training noch gesünder sein.

Unser Körper sieht das allerdings ganz anders. Er wächst nicht während des Trainings. Er wächst in der Pause.

Dann repariert er winzige Verletzungen der Muskulatur und macht sie stärker als zuvor. Wer ihm diese Erholung verweigert, wird irgendwann nicht kräftiger, sondern schwächer. Während unseres Gesprächs fiel mir ein Gedicht von Friedrich Rückert ein. Schon 190 Jahre alt – und dennoch zeitlos:


„Zu wenig und zu viel ist beides ein Verdruss.
So fehl ist überm Ziel wie unterm Ziel ein Schuss.
Zu wenig und zu viel ist gleich sehr unvollkommen.
Im Ernst ist und im Spiel das rechte Maß willkommen.”
Eigentlich müsste jeder diese Zeilen verinnerlichen.
Denn er beschreibt nicht nur das Training. Er beschreibt unser ganzes Leben.


Zu wenig Bewegung lässt Muskeln verkümmern.
Zu viel Belastung führt zu Verletzungen.
Zu wenig Schlaf raubt uns die Kraft.
Zu viel Stress macht krank.
Zu wenig Eiweiß nimmt unserem Körper den Baustoff, den er täglich für Immunsystem und Erneuerung braucht.
Zu wenig Gemüse nimmt ihm Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe.
Zu viel Alkohol belastet Leber und Gehirn.

Immer wieder stoßen wir auf dieselbe Erkenntnis:
Es gibt ein zu wenig und ein zu viel.
Vielleicht liegt genau darin eines der größten Probleme unserer Zeit.
Wir kennen oft nur noch zwei Geschwindigkeiten: Vollgas oder Faulheit. Diät oder Völlerei. Marathon oder Sofa. Alles oder Nichts.

Unser Körper mag keines von beidem.
Er liebt Regelmäßigkeit.
Er liebt Bewegung.
Er liebt hochwertiges Eiweiß.
Er liebt frische Lebensmittel.
Und er liebt Entspannung und Erholung.


Auf diesen Erkenntnissen beruht seit Jahrzehnten die Forever-Young-Philosophie: Gesundheit entsteht nicht durch spektakuläre Heldentaten. Nicht durch die perfekte Woche. Nicht durch den gute Vorsätze am Neujahrstag.
Sondern durch Hunderte kleiner Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen.
Natürlich dürfen wir feiern. Natürlich dürfen wir genießen.
Natürlich gibt es Tage, an denen wir mal über die Stränge schlagen.
Das Leben wäre furchtbar langweilig, wenn es nicht so wäre.
Problematisch wird es erst, wenn aus der Ausnahme eine Gewohnheit wird.

Als mein Patient meine Praxis verließ, sagte er lächelnd:
„Dann gönne ich meinen Muskeln morgen wohl frei.“
Ich antwortete: „Nicht nur morgen. Ab jetzt regelmäßig.“
Er lachte. Und ich merkte, diesmal hatte er verstanden.


Gesundheit entsteht nicht dadurch, immer mehr zu tun, sondern dadurch, regelmäßig das Richtige zu tun.



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