Ein dysreguliertes Nervensystem bedeutet, dass die inneren Systeme, die eigentlich zwischen Alarmbereitschaft und Ruhe umschalten sollen, dieses Gleichgewicht verloren haben. Der Körper bleibt dann auch ohne echten Anlass in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit oder Erschöpfung hängen, statt nach einer Belastung wieder zur Ruhe zu finden. Ein dysreguliertes Nervensystem kann auch bei harmlosen Situationen auf Alarm, Anspannung oder Rückzug schalten. Es unterscheidet nicht zuverlässig zwischen echter Gefahr und einer Erinnerung, die sich wie Gefahr anfühlt.
Wenn Vergangenes im Körper weiterlebt
Häufig liegt diesem Alarmzustand eine belastende Erfahrung zugrunde, oft aus der Kindheit. Emotionale Vernachlässigung, wiederholte Abwertung, Mobbing oder eine konflikthafte Trennung hinterlassen Spuren, auch wenn sie formal kein Trauma im klassischen Sinne darstellen. Die Folgen zeigen sich als Angst, Scham, innere Alarmbereitschaft oder das hartnäckige Gefühl, „nicht gut genug" zu sein.
EMDR als therapeutischer Zugang
Genau hier setzt EMDR an. EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing. Zu Deutsch: Desensibilisierung und Aufarbeitung durch Augenbewegungen. Bei dieser Methode wird eine belastende Erinnerung im sicheren, therapeutischen Rahmen aktiviert, während die Aufmerksamkeit gleichzeitig durch bilaterale Reize gelenkt wird, meist Augenbewegungen, manchmal Töne oder Berührungsimpulse. Ziel ist nicht, die Erinnerung zu löschen, sondern ihre emotionale Wucht zu verringern und sie besser in die eigene Lebensgeschichte einzuordnen. Die Methode ist als psychotherapeutisches Vorgehen anerkannt. Bei einer eindeutigen Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung übernehmen gesetzliche wie auch private Krankenkassen die Kosten für die EMDR-Sitzungen. Die Methode wirkt aber auch, wenn weniger dramatische Erlebnisse verarbeitet werden sollen. Dann muss man jedoch die Kosten meistens selbst zahlen.
Wie eine EMDR-Sitzung praktisch abläuft
Konkret läuft eine EMDR-Sitzung wie folgt ab: Mit den Augen folgen Sie den Fingern der Therapeutin oder des Therapeuten, während Sie sich innerlich gleichzeitig die belastende Erinnerung vor Augen führen. Diese geteilte Aufmerksamkeit, einerseits die Fingerbewegung verfolgen, andererseits das innere Bild zulassen, setzt einen weitgehend automatischen Verarbeitungsprozess in Gang. Die Erinnerung lässt sich dadurch leichter einordnen, ohne dass man sie sich bewusst mühsam zurechtlegen müsste. Zahlreiche Studien zeigen inzwischen, dass EMDR anderen, etablierten Therapieverfahren in der Wirksamkeit ebenbürtig ist, dabei aber schneller zum Ziel führt. Das macht die Methode besonders schonend und zeiteffektiv.
Was die Forschung zeigt
Eine Übersichtsarbeit über sechs randomisierte Studien mit 251 Kindern und Erwachsenen fand Hinweise, dass EMDR Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung nach komplexen Kindheitstraumata reduzieren kann. In mehreren Studien besserten sich zudem depressive und Angstsymptome.
Quellen:
Chen R, Gillespie A, Zhao Y, Xi Y, Ren Y, McLean L. The Efficacy of Eye Movement Desensitization and Reprocessing in Children and Adults Who Have Experienced Complex Childhood Trauma: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Front Psychol. 2018;9:534. Published 2018 Apr 11. doi:10.3389/fpsyg.2018.00534