Wissenschaft liefert die entscheidende Grundlage für bahnbrechende Erkenntnisse. Sie beginnt mit etwas Kleinem, was kontinuierlich wächst. Ein Thema, das gefüttert wird – „großgezogen“ – bis es einen geeigneten Reifezustand erreicht hat, um es als erwiesen anzuerkennen. Doch bietet Wissenschaft auch Interpretationsspielraum. Es ist der Raum, in dem neue Ideen wachsen. Hier ist es dunkel. Die Ideen flimmern ängstlich im Licht der großen Erkenntnisse. Hier muss Vielfalt herrschen – Wie auch sonst soll Forschung vorankommen? Zu jedem Nobelpreisträger gibt es Vordenker, Kritiker, neugierige Studenten, hartnäckige Patienten – und manchmal schlicht jemanden, der die Frage stellt: „Warum eigentlich?“.
Und genau deshalb gehört dieser Raum nicht allein den Universitäten. Wissenschaft entsteht zwar im Labor, in Kliniken und Instituten – ihre Fragen entstehen aber mitten im Leben. Jeder von uns beobachtet, zweifelt, probiert aus und stolpert über Widersprüche. Natürlich wird aus einer Beobachtung noch lange keine wissenschaftliche Erkenntnis. Aber sie kann der Anfang einer Frage sein. Und ohne gute Fragen gibt es keine gute Forschung.
Menschen, denen es ihr Leben lang erhalten bleibt, über den Tellerrand zu blicken, also über die alltäglichen Routinen, Stigmata, Gedankengerüste, Normen und Werte hinaus, sind in diesem Raum willkommen. Denn sie sind kreativ. Und Kreativität braucht, wie Richard David Precht es nennt, „Reichtum an innerer Welt“. Je mehr Bilder, Erfahrungen, Wissen und Erinnerungen wir in uns tragen, desto mehr Material besitzt unser Gehirn, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen.
Die Ursprünge dieser Fähigkeit liegen in unserer Vergangenheit. Wer in der Kindheit nur wenig Raum für Neugier, Exploration und kreatives Denken hatte, wird als Erwachsener nicht plötzlich als Leonardo da Vinci erwachen. Was uns dabei von den Kleinsten unserer Gesellschaft fundamental unterscheidet: Kinder wissen noch nicht, was „angeblich“ nicht geht.
Doch – klar! – wer Neues denken will, braucht erst einmal etwas, das er neu miteinander verknüpfen kann. Er muss die Ursprünge verstehen, sich Grundlagen aneignen und Zusammenhänge erkennen. Erst daraus entsteht jener innere Fundus, aus dem später Ideen erwachsen.
Dass wir ausgerechnet an diesem Fundament zu verlieren scheinen, sollte uns nachdenklich machen: PISA 2025 bescheinigt deutschen 15-Jährigen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Datenerhebungsreihe. Länder wie Singapur, Japan oder Estland hängen uns um Welten ab. In dem zugehörigen Test wird ermittelt, wie gut Schüler Informationen verstehen und bewerten, Zusammenhänge erkennen, Probleme lösen, Wissen anwenden und auf neue Fragestellungen übertragen können. Und, so bitter es ist: Deutschland wurde international abgehängt.
Für mich zeigen diese Ergebnisse, dass uns ein Problem des eigenständigen Denkens bevorsteht. Wir sollten uns, und unseren Kindern, beides erhalten. Den inneren Reichtum, aus dem wir schöpfen und gleichzeitig den Mut, dieses Wissen immer wieder infrage zu stellen und neu zu kombinieren.
Aber, unter uns – Gegen geistige Bequemlichkeit können Sie jeden Tag etwas tun. Nicht nur Sie allein. Alle!
Lesen Sie etwas, das Sie noch nicht kennen. Lernen Sie eine neue Fähigkeit. Gehen Sie ohne Kopfhörer spazieren. Lassen Sie Langeweile zu! Diskutieren Sie mit jemandem, der anders denkt als Sie. Bewegen Sie sich. Stellen Sie Fragen. Und wenn Ihr Kind zum hundertsten Mal „Warum?“ fragt, beantworten Sie die Frage doch mit einem „Was glaubst du denn?“.