2025: Ich sitze im Zug zur Europameisterschaft nach Polen. Ich reise später an, weil zwei Wochen zuvor meine Tochter zu Welt kam. Acht Stunden Zugfahrt, zuvor wenig bis gar kein Schlaf. Unmittelbar nach der Geburt standen vier Prüfungen in der Uni an. Die finale Wettkampfvorbereitung ist in vollem Gange. Sie ist auch deswegen so intensiv, weil nach der EM der wichtigste Wettkampf meines Lebens folgen sollte, die WorldGames in Chengdu (China). Die EM ist die Generalprobe.

Nun blase ich Trübsaal im Zug: Mal blicke ich stundenlang ins Handy, mal tippe ich eine neue News in die Tasten des Laptops. Dann fällt mir der alte Herr gegenüber auf. Wir sitzen seit Stunden in dem Zug. Er hat kein Handy in der Hand, keinen Laptop oder ein Tablet geöffnet. Nein, nicht mal eine Zeitung oder ein Buch, geschweige denn Kopfhörer, lenken ihn von seiner sinnstiftenden Tätigkeit ab. Was macht er die ganze Zeit? Er schaut aus dem Fenster.

Ich komme ins Grübeln. Warum kann ich das nicht? Allein die letzten 3 Wochen meines Lebens sollten Nachdenk-Stoff für mindestens drei dieser Zugfahrten hergeben. Ich starte den Versuch, schalte alle mobilen Endgeräte aus, mache es mir bequem und tue es meinem Gegenüber gleich. Und siehe da, mit aufgeräumtem Gemüt steige ich in Olsztyn aus dem Zug, wo bereits der Trainer auf mich wartet. So unbeschwert war eine Zugfahrt lange nicht mehr.

Was passiert, wenn wir es zulassen unsere Gedanken schweifen zu lassen, ist die Aktivierung des Default Mode Networks. Unser Gehirn befindet jetzt in seinem Ausgangszustand. Jahrtausende lang hat es so gearbeitet: Stundenlange Wanderungen, Nachtwachen am Lagerfeuer, das Hüten einer Herde, das Sammeln von Beeren, das Schnitzen von Werkzeugen oder das Beobachten der Landschaft. Können Sie das noch ohne Unterbrechung?

Immer dann, wenn keine unmittelbare Aufgabe unsere Aufmerksamkeit beansprucht, richtet sich unser Denken nach innen: Erinnerungen werden verarbeitet, Erfahrungen eingeordnet, Zukunftsszenarien entworfen und neue Zusammenhänge geschaffen.

Heißt: Wir renovieren unseren Geisteszustand.

Profitieren kann davon jeder. Auch und insbesondere in anspruchsvollen Phasen des eigenen Lebens ist das „Gedanken schweifen lassen“ überlebenswichtig. Wer das nicht zulassen kann, wird nie mit sich selbst im Reinen sein, geschweige denn Höchstleistungen erbringen. Jeder hat hier seine eigenen Mittel. Für mich ist es stupides Hin- und Hergleiten im Wasser, während die Kacheln unter mir vorüberziehen.

Geben Sie der Sache eine Chance. Und dann wünsche ich viel Spaß beim Genießen.