Die „Abnehmspritzen“ wie Wegovy, Ozempic oder Mounjaro sind inzwischen überall. Und die Erfolge können durchaus beeindruckend sein. Meine Frisörin hat beispielsweise innerhalb von acht Monaten fast 25 Kilogramm abgenommen. Und natürlich freue ich mich für sie.
Auch in der sonst eher pharmazeutikakritischen naturheilkundlichen Therapeutenszene scheint die Begeisterung für diese Medikamente inzwischen erstaunlich groß zu sein. Trotzdem betrachte ich diesen großen Hype auch kritisch. Denn während alle über die verlorenen Kilos (und die dadurch gesundheitlichen Vorteile) sprechen, wird über ein Thema erstaunlich wenig gesprochen: die Knochen.
Denn bei starkem Gewichtsverlust verlieren wir häufig nicht nur Fett, sondern häufig auch Muskelmasse und unter bestimmten Umständen kann auch Knochenmasse betroffen sein.
Unsere Knochen sind lebendiges Gewebe, und sie reagieren auf Belastung, Bewegung und Muskulatur. Verlieren wir sehr schnell viel Gewicht, nimmt diese mechanische Belastung ab. Welchen Effekt hat schneller und starker Gewichtsverlust auf die Knochen? Mit genau dieser Frage beschäftigen sich inzwischen auch Wissenschaftler. Ich habe mir die Studienlage dazu einmal näher angesehen.
Interessant ist eine 2024 veröffentlichte randomisierte Studie mit 64 Erwachsenen mit erhöhtem Frakturrisiko, darunter überwiegend postmenopausale Frauen. Die Teilnehmer erhielten über 52 Wochen entweder einmal wöchentlich 1 mg Semaglutid oder ein Placebo.
Nach einem Jahr zeigte sich ein durchaus interessantes Bild: Der Knochenabbaumarker CTX (β-CrossLaps) lag unter Semaglutid im Vergleich zur Placebogruppe deutlich höher. Der Unterschied betrug etwa 55 Prozent. Gleichzeitig nahm die Knochendichte an der Lendenwirbelsäule um etwa 2,1 Prozent und an der Hüfte um etwa 2,6 Prozent stärker ab als unter Placebo.
Ein höherer CTX-Wert zeigt einen verstärkten Knochenabbau an, bedeutet aber nicht automatisch, dass dadurch auch das Risiko für einen Knochenbruch entsprechend steigt. Dennoch wollen wir keinem Patienten erhöhte CTX-Werte messen. Der Knochenaufbaumarker P1NP unterschied sich dagegen nicht signifikant zwischen den Gruppen.
Nicht überraschend ist, dass die Teilnehmer der Studie unter Semaglutid deutlich mehr Gewicht verloren. Der Unterschied gegenüber der Placebo-Gruppe betrug nach 52 Wochen etwa 6,8 Kilogramm beziehungsweise 8,8 Prozent des Körpergewichts.
Die Frage ist: Was davon ist eine direkte Wirkung des Medikaments und was ist nur eine Folge des deutlichen Gewichtsverlustes? Das können wir bislang nicht sicher beantworten. Auch die Autoren der Studie diskutieren, dass die erhöhte Knochenabbau zumindest teilweise durch die geringere mechanische Belastung infolge des Gewichtsverlustes erklärt werden könnte.
Eine weitere Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, wie wichtig Bewegung unter einer GLP-1-Thearapie sein könnte. 195 Menschen mit Adipositas wurden nach einer achtwöchigen Diät ein Jahr lang entweder mit einem GLP1-Medikament (3 mg Liraglutid), einem strukturierten Trainingsprogramm, einer Kombination aus beidem oder Placebo behandelt. Die Kombination aus GLP-1-Medikament und regelmäßigem Training führte zum größten Gewichtsverlust und gleichzeitig blieb die Knochendichte an Hüfte und Lendenwirbelsäule erhalten. Unter Liraglutid allein nahm die Knochendichte dagegen stärker ab als unter Training.
Diese Studie zeigt, dass wer mit GLP-1-Medikamenten Gewicht verliert, Bewegung und insbesondere muskelstärkendes Training nicht als nette Ergänzung betrachten sollte. Sport könnte entscheidend dazu beitragen, Muskeln und Knochen während des Gewichtsverlustes zu schützen.
Was wir nicht genau wissen, ist, ob die Medikamente sich negativ auf den Knochenstoffwechsel auswirken oder „nur“ der rapide und starke Gewichtsverlust. Ich empfehle in jedem Fall bei starkem Gewichtsverlust – sei es durch eine Diät oder durch ein Medikament – den Knochenstoffwechsel im Blick zu behalten und sich während dieser Phase besonders viel Bewegung zu gönnen.
Ich empfehle während einer Therapie mit GLP1-Medikamenten regelmäßig die Laborparameter des Knochenstoffwechsels untersuchen zu lassen, vor allem: β-CrossLaps (CTX) als Knochenabbaumarker, P1NP als Knochenaufbaumarker sowie Vitamin D, Calcium, Phosphat und Parathormon. Das geht ganz einfach durch eine simple Blutentnahme.
Quellen:
- Hansen MS, Wölfel EM, Jeromdesella S, Møller JK, Ejersted C, Jørgensen NR, Eastell R, Hansen SG, Frost M. Once-weekly semaglutide versus placebo in adults with increased fracture risk: a randomised, double-blinded, two-centre, phase 2 trial. EClinicalMedicine. 2024 May 3;72:102624. doi: 10.1016/j.eclinm.2024.102624. PMID: 38737002; PMCID: PMC11087719.
- Jensen SBK, Sørensen V, Sandsdal RM, et al. Bone Health After Exercise Alone, GLP-1 Receptor Agonist Treatment, or Combination Treatment: A Secondary Analysis of a Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2024;7(6):e2416775. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.16775