Beim Aufräumen sind mir letztens die U-Hefte meiner Kinder in die Hände gefallen. Beim Blättern durch die dokumentierten Vorsorgeuntersuchungen bin ich an einer Frage hängen geblieben: Wann wurde ihre Schilddrüsenfunktion nach dem Neugeborenenscreening eigentlich noch einmal überprüft? In den U-Heften fand ich dazu keinen Eintrag. Eine routinemäßige Blutuntersuchung der Schilddrüsenfunktion gehört nach dem Neugeborenenscreening nicht zur regulären Kinder- und Jugendvorsorge.
Kurz nach der Geburt werden beim Neugeborenenscreening in der Regel noch im Krankenhaus einige Blutstropfen entnommen, meist zwischen der 36. und 72. Lebensstunde. Dabei wird unter anderem nach einer angeborenen Schilddrüsenunterfunktion gesucht. Eine wichtige Untersuchung, die schwere Entwicklungsstörungen verhindern kann. Danach gehören regelmäßige Schilddrüsenwerte, noch nicht einmal das TSH, nicht zum Standardprogramm der Kinder- und Jugendvorsorge. Ein unauffälliges Neugeborenenscreening bedeutet aber nicht, dass die Schilddrüse ein Leben lang gesund bleibt.
Auch später im Leben werden die Werte nicht automatisch kontrolliert: weder in der Pubertät noch bei einer Frau (oder einem Mann) mit Kinderwunsch noch in der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren. Selbst beim hausärztlichen Check-up ab 35 (alle 3 Jahre) gehören weder der TSH-Wert noch die Schilddrüsen-Funktionswerte fT4 und fT3 zum regulären Laborprogramm.
Eine Schilddrüsenstörung kann lange unbemerkt bleiben. Ihre Beschwerden sind häufig unspezifisch: Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder Gewichtsveränderungen. Diese können viele Ursachen haben. Und genau das ist das Problem.
Ein Teenager, der morgens kaum aus dem Bett kommt, ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Doch wenn er über längere Zeit erschöpft ist, seine Leistungen deutlich nachlassen oder sich Gewicht, Wachstum oder bei einem Mädchen der Zyklus auffällig verändern, sollten wir genauer hinschauen und nicht alles „auf die Pubertät“ schieben.
Oder nehmen wir das Thema Schwangerschaft: Gerade zu Beginn der Schwangerschaft ist das ungeborene Kind auf die Schilddrüsenhormone seiner Mutter angewiesen. Sie sind wichtig für die Entwicklung seines Gehirns und Nervensystems. Deshalb gehört die Schilddrüse für mich schon bei Kinderwunsch auf den Prüfstand. Eine Erkrankung sollte frühzeitig erkannt werden und nicht erst nach einer Fehlgeburt.
Nicht nur bei Kinderwunsch, in der Schwangerschaft, sondern auch nach der Geburt sollte die Schilddrüse untersucht werden. Im ersten Jahr nach der Geburt kann bei jeder 12. Frau eine Schilddrüsenentzündung auftreten, die sogenannte Postpartum-Thyreoiditis. Sie kann zunächst Herzklopfen, Nervosität und Schlafprobleme verursachen. Später können Müdigkeit, Antriebslosigkeit oder eine depressive Stimmung hinzukommen. Aus einer Postpartum-Thyreoiditis kann eine Hashimoto Thyreoiditis entstehen. Deshalb sind Verlaufskontrollen so wichtig. Eine Mutter, die sich ungewöhnlich schlecht fühlt, braucht Unterstützung und eine medizinische Abklärung. Diese bekommt sie aber häufig nicht. „So ist das nun mal mit einem Säugling.“, hören Frauen leider immer noch viel zu häufig.
Dann kommen die Wechseljahre, oft schon ab Anfang 40. Schlechter Schlaf, Stimmungsschwankungen, Herzklopfen, Gewichtsveränderungen. Vieles davon kann mit den natürlichen hormonellen Schwankungen in dieser Zeit zusammenhängen. Eine Schilddrüsenstörung kann jedoch ähnliche Beschwerden verursachen oder – wie ich es häufig diagnostiziere - zusätzlich bestehen und die Beschwerden verstärken.
Die Schilddrüse begleitet uns durch alle Lebensphasen. Ich wünsche mir, dass sie einen festen Platz in der Vorsorgemedizin, insbesondere in der Frauenmedizin, bekommt. Denn ein Großteil der Erkrankten sind Frauen. In der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion vermisse ich jedoch die Aufmerksamkeit für dieses Thema. Umso wichtiger ist es, selbst informiert zu sein, anhaltende Beschwerden anzusprechen und gemeinsam mit dem behandelnden Arzt oder Heilpraktiker nach ihren Ursachen zu suchen.
Quelle:
https://gesund.bund.de/gesundheitsuntersuchungen-kinder-jugendliche
Stagnaro-Green A. Postpartum thyroiditis. Best Pract Res Clin Endocrinol Metab. 2004 Jun;18(2):303-16. doi: 10.1016/j.beem.2004.03.008. PMID: 15157842.