Die Verbraucherzentrale NRW warnt aktuell deutlich vor der Anwendung des „Desinfektionsmittels“ Lugolschen Lösung. Wer den entsprechenden Text auf ihrer Website liest, stößt jedoch auf eine Reihe von Aussagen, die zumindest erklärungsbedürftig, teils auch sachlich falsch sind. Ich habe eine Reihe von Zuschriften erhalten. Grund genug also, die Sache genauer zu betrachten und einige Punkte klarzustellen.
Wenn man heute von der Lugolschen Lösung spricht, klingt das nach einem alten, fast etwas geheimnisvollen Arzneimittel. Tatsächlich steckt dahinter eine sehr einfache Mischung: Elementares Jod (I₂), Kaliumiodid (KI) und Wasser. Ihre Geschichte beginnt in einer Zeit, in der Jod selbst noch eine wissenschaftliche Sensation war. Denn als der französische Arzt Jean Guillaume Auguste Lugol seine Lösung entwickelte, war das Element erst wenige Jahre zuvor zufällig entdeckt worden.
Der Anfang liegt nicht in einem Forschungslabor, sondern in der Chemie der Napoleonischen Zeit. Der französische Chemiker Bernard Courtois entdeckte Jod im Jahr 1811 eher zufällig. Frankreich brauchte damals große Mengen Salpeter für Schießpulver. Bei der Verarbeitung von Seetangasche, also verbrannte Meeresalgen, beobachtete Courtois nach Zugabe von Schwefelsäure violette Dämpfe, aus denen sich dunkle Kristalle bildeten. Das war der Stoff, den man später als Jod erkannte. Wenig später machten französische Chemiker die Entdeckung bekannt; der Name „iode“ beziehungsweise „iodine“ setzte sich wegen der violetten Farbe des Dampfes durch. Das Wort „Iod“ (bzw. „Jod“) stammt vom griechischen Wort „ἰοειδής“ (ioeidēs), und das bedeutet einfach „violettfarben“ oder „veilchenfarben“.
In genau dieses wissenschaftliche Klima trat Jean Guillaume Auguste Lugol. Er wurde 1786 geboren, studierte in Paris Medizin und wurde 1819 Arzt am Hôpital Saint-Louis, einem wichtigen Pariser Krankenhaus. Dort suchte er intensiv nach einer Behandlung der damals häufig tödlich verlaufenden Tuberkulose.
Lugol war kein Chemiker, sondern ein Arzt, der versuchte, eine neue chemische Entdeckung rasch in eine Therapie zu übersetzen. Das war typisch für das frühe 19. Jahrhundert. Sobald ein Stoff vielversprechend erschien, hoffte man, daraus ein Heilmittel zu machen. Lugol veröffentlichte ab 1829 mehrere Arbeiten über die Verwendung von Jod bei Tuberkulose.
Seine eigentliche Leistung bestand nicht nur darin, Jod anzuwenden, sondern es praktisch nutzbar zu machen. Reines Jod löst sich in Wasser nämlich nur schlecht. Durch die Zugabe von Kaliumiodid ließ es sich deutlich besser in Lösung bringen. So entstand die „Lugolsche Lösung“ als gut handhabbare, dosierbare Jodzubereitung. Klassisch wurde sie in einem Verhältnis von etwa 5 Teilen Jod und 10 Teilen Kaliumiodid auf 85 Teile Wasser beschrieben. Diese chemisch einfache Idee war entscheidend: Erst dadurch wurde aus einer schwer nutzbaren Substanz ein alltagstaugliches medizinisches Präparat.
Aus heutiger Sicht weiß man: Gegen Tuberkulose war die Lugolsche Lösung nicht das erhoffte Wundermittel. Dennoch war Lugols Ansatz keineswegs unsinnig. Man hatte damals noch keine Antibiotika, keine moderne Mikrobiologie und keine wirksame Tuberkulose-Therapie. Ärztinnen und Ärzte arbeiteten oft mit Beobachtung, Erfahrung und plausiblen Annahmen. Und Jod zeigte tatsächlich Eigenschaften, die medizinisch interessant waren: Es wirkte keimhemmend, reizte Gewebe weniger als manche alkoholischen Präparate und ließ sich in verschiedenen Konzentrationen verwenden.
Gerade deshalb verschwand die Lugolsche Lösung nicht wieder, obwohl sie Lugols ursprüngliches Ziel verfehlte. Im Verlauf des 19. und dann auch im 20. Jahrhundert wurde sie dann für ganz andere Zwecke wichtig. Sie diente als Antiseptikum, wurde in der Labormedizin verwendet und fand später auch einen festen Platz in der Schilddrüsenmedizin. Dort nutzte man den Effekt, dass hohe Jodmengen die Freisetzung von Schilddrüsenhormonen vorübergehend bremsen können („Plummer Effekt und Wolff-Chaikoff-Effekt“). Vor allem in einer Zeit, in der es keine Thyreostatika gab, also Medikamente, die bei einer Schilddrüsenüberfunktion eingesetzt werden konnten.
Außerdem wurde die Lösung in der Diagnostik eingesetzt, etwa beim Schiller-Test, bei dem jodhaltige Lösungen bestimmte schleimhautreiche Gewebe anfärben.
Auch wenn die Lugolsche Lösung sich später als keimhemmend herausstellte, war sie niemals ein „Desinfektionsmittel zur äußerlichen Anwendung“, wie die Verbraucherzentrale schreibt. Lugol entwickelte sie zunächst als medizinische Jodlösung für therapeutische Anwendungen in einer Zeit, in der man große Hoffnungen in neue chemische Stoffe setzte.
In der nächsten News gehe ich auf die Bedeutung der Lugolschen Lösung in der Therapie von Schilddrüsenerkrankungen ein.
Quellen:
Zimmermann MB. Research on iodine deficiency and goiter in the 19th and early 20th centuries. J Nutr. 2008 Nov;138(11):2060-3. doi: 10.1093/jn/138.11.2060. PMID: 18936198.
WOLFF J, CHAIKOFF IL. Plasma inorganic iodide as a homeostatic regulator of thyroid function. J Biol Chem. 1948 Jun;174(2):555-64. PMID: 18865621.