Wie in der letzten News erwähnt, gehört die Lugolsche Lösung, benannt nach dem französischen Arzt Jean Guillaume Auguste Lugol, zu den ältesten und bekanntesten Jodpräparaten der Medizingeschichte. Sie wurde bereits im frühen 19. Jahrhundert entwickelt.
Im 19. Jahrhundert war Jod ein medizinischer Durchbruch, insbesondere in der Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen. Zu dieser Zeit waren Kröpfe und andere jodmangelbedingte Erkrankungen in vielen Regionen Europas weit verbreitet. Die Ursache dieser Erkrankungen war zwar noch nicht vollständig verstanden, doch die therapeutische Wirkung von Jod wurde bereits erkannt. Ärzte beobachteten, dass die Gabe von Jodpräparaten zu einer Verkleinerung der Schilddrüse führen konnte. Dies war besonders bedeutsam, da operative Eingriffe zu dieser Zeit mit sehr hohen Risiken verbunden waren. Kropfoperationen galten im 19. Jahrhundert lange als hochriskant. Erst gegen Ende des Jahrhunderts gelang es Chirurgen wie Theodor Kocher (1883), die Sterblichkeit durch präzisere Techniken massiv zu senken. Die Lugolsche Lösung bot somit eine nicht-invasive Behandlungsoption. Erst 1895 gelang Eugen Baumann der Nachweis von Jod in der Schilddrüse – ein Meilenstein, der die zuvor empirische Jodtherapie wissenschaftlich erklärte.
Aktuell warnt die Verbraucherzentrale NRW vor dem Einsatz der Lugolschen Lösung. Sie sei viel zu hoch dosiert und somit gesundheitsgefährdend. Schauen wir uns einmal an, wieviel Jod in einem Tropfen enthalten ist:
Die klassische Lugolsche Lösung 5% besteht aus:
- 5 % elementarem Jod (I₂)
- 10 % Kaliumiodid (KI)
- Wasser als Lösungsmittel
Das Kaliumiodid dient dabei nicht primär als Wirkstoff, sondern hilft, das schwer lösliche Jod überhaupt in Wasser zu lösen. Kaliumiodid besteht nur zu etwa 76 % aus Jod.
Ein Tropfen (ca. 0,05 ml, je nach Pipette leicht unterschiedlich) enthält somit ungefähr:
- 2,5 mg elementares Jod (I₂)
- 5 mg Kaliumiodid (KI)
→ entspricht etwa 3,75 mg Jod
Der Gesamt-Jodgehalt pro Tropfen beträgt somit ca. 6,25 mg.
Zum Vergleich: Die empfohlene tägliche Jodzufuhr für Erwachsene beträgt je nach Referenzsystem etwa 150 µg pro Tag; ältere D-A-CH-Referenzwerte sahen teilweise 180–200 µg pro Tag vor. Dazu ist anzumerken, dass diese Menge aus meiner Sicht nicht den gesamten Bedarf des Körpers abdeckt, auch wenn sie unter Umständen im Einzelfall für die Schilddrüsenversorgung ausreichend sein kann.
Ein einzelner Tropfen der Lugolschen Lösung enthält damit ein Vielfaches der üblichen empfohlenen Tageszufuhr. Bei der Bewertung ist jedoch zu berücksichtigen, dass die empfohlene Zufuhr von 150 µg pro Tag der Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung in der gesunden Allgemeinbevölkerung dient und nicht mit einer individuell indizierten therapeutischen Dosierung gleichzusetzen ist. Sowohl eine unzureichende als auch eine übermäßige Jodzufuhr kann gesundheitlich relevant sein, insbesondere bei bestehenden Schilddrüsenerkrankungen oder entsprechender Disposition.
Im 19. Jahrhundert wurde die Lugolsche Lösung gezielt therapeutisch eingesetzt, insbesondere bei Schilddrüsenvergrößerungen. Damals war Jodmangel gebietsweise noch weiterverbreitet als heutzutage, und die gezielte Gabe höherer Dosen konnte eine deutliche Verkleinerung der Schilddrüse bewirken. Die Behandlung erfolgte meist in Tropfenform und wurde individuell angepasst – ein frühes Beispiel für dosierte Mikronährstofftherapie. Da Jod in höheren Mengen toxisch wirken kann, war die Bestimmung geeigneter Konzentrationen und Dosierungen eine Herausforderung. Dennoch entwickelte sich im Laufe des Jahrhunderts ein zunehmendes Verständnis für die therapeutische Breite von Jod.
Wichtig ist grundsätzlich die Unterscheidung zwischen täglichem Bedarf eines Gesunden und der medizinisch-therapeutischen Anwendung: Die empfohlene Jodzufuhr dient der langfristigen Versorgung eines gesunden Organismus. Lugolsche Lösung hingegen wurde – und wird teilweise noch heute – in bestimmten Kontexten kurzzeitig und gezielt in deutlich höheren Mengen eingesetzt.
Die Lugolsche Lösung hat auch heute noch ihre therapeutische Berechtigung, beispielsweise bei bestimmten Brusterkrankungen und zum Ausgleich eines Jodmangels. Gleichzeitig gilt – wie bei allen hoch dosierten Nährstoffpräparaten –, dass ihre Anwendung eine vorherige Testung, eine fundierte Aufklärung, die Begleitung durch einen erfahrenen Therapeuten sowie regelmäßige Kontrollen der Schilddrüsenfunktion voraussetzt. Pauschale Panikmache durch öffentlich finanzierte Institutionen, wie wir sie auch aus der Diskussion um Vitamin D kennen, ist dabei ebenso unangebracht wie eine Verharmlosung oder Überdosierung.
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Quellen:
Zimmermann MB. Research on iodine deficiency and goiter in the 19th and early 20th centuries. J Nutr. 2008 Nov;138(11):2060-3. doi: 10.1093/jn/138.11.2060. PMID: 18936198.