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Die Andropause – die Wechseljahre des Mannes
Rückblickend auf mein beinahe abgeschlossenes Medizinstudium muss ich feststellen: Über Hormone, speziell die so genannten Sexualhormone, habe ich so gut wie nichts gelernt. Und nein: Auch in der gynäkologischen Facharztausbildung spielen die Wechseljahre und ihre spezifischen Risiken durch den krassen Rückgang fast aller Steroidhormone bislang nur eine untergeordnete Rolle. Frauen fordern daher zu Recht vor allem auf Social Media mehr Aufklärung, bessere Prävention und zeitgemäße Behandlungsmöglichkeiten, um möglichst lange auch nach der Menopause gesund zu bleiben.
Was in der aktuellen Diskussion jedoch komplett übersehen wird: Auch Männer durchlaufen einen hormonellen Wandel, wenn sie älter werden.
Die sogenannte Andropause – manchmal auch als „männliche Wechseljahre“ bezeichnet – ist weniger abrupt als die Menopause der Frau, aber dennoch real.
Die Symptome der Andropause sind vielfältig und werden häufig fehlinterpretiert oder bagatellisiert. Männer berichten über chronische Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Libidoverlust, Erektionsprobleme, depressive Verstimmungen, Reizbarkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten und auch – sofern sie überhaupt untersucht werden- über die Abnahme der Knochendichte (Osteoporose.) Auch körperliche Veränderungen wie Zunahme von Bauchfett, Muskelabbau, verringerte Leistungsfähigkeit und eine Abnahme der Knochendichte können auftreten. Nicht selten werden diese Beschwerden pauschal dem „Älterwerden“, Stress oder beruflicher Überlastung zugeschrieben.
Der zentrale hormonelle Wandel beim Mann betrifft vor allem das Testosteron. Gleichzeitig nimmt der Anteil des sogenannten freien, biologisch aktiven Testosterons noch deutlicher ab, da das Sexualhormon-bindende Globulin (SHBG) im Alter ansteigt. Das bedeutet: Selbst, wenn der Gesamt-Testosteronwert im Labor noch „normal“ erscheint, steht dem Körper oft deutlich weniger wirksames Hormon zur Verfügung.
In der Medizin sprechen wir dann vom „Late onset Hypogonadismus“. Dieser Abfall beginnt oft schon ab dem 35. bis 40. Lebensjahr und verläuft schleichend – jährlich etwa 1% - über Jahrzehnte. Genau das macht die Andropause so schwer greifbar: Sie ist kein klar definiertes Ereignis, kein Zeitpunkt wie die Menopause, sondern ein eher schleichender Prozess.
Doch Testosteron ist nicht das einzige Hormon, das sich verändert. Auch das Verhältnis zu Östrogen verschiebt sich. Ein Teil des Testosterons wird im Fettgewebe durch das Enzym Aromatase in Östradiol umgewandelt. Mit zunehmendem Bauchfett steigt diese Umwandlung – der Östrogenspiegel nimmt relativ zu, während Testosteron weiter sinkt. Dieses hormonelle Ungleichgewicht kann Müdigkeit, Libidoverlust, Gewichtszunahme und emotionale Veränderungen zusätzlich verstärken.
Parallel dazu verändern sich weitere Hormone:
- DHEA, ein wichtiges Vorläuferhormon für Sexualhormone und relevant für Energie, Stimmung und Stressresilienz, nimmt ebenfalls kontinuierlich ab.
- Cortisol, das Haupt-Stresshormon, ist bei vielen Männern chronisch erhöht – besonders bei dauerhaftem Leistungsdruck, Schlafmangel und psychischer Belastung. Ein dauerhaft hohes Cortisol hemmt wiederum die Testosteronproduktion.
- Auch Wachstumshormon und Melatonin sinken, was Regeneration, Muskelaufbau, Schlafqualität und Stoffwechsel beeinflusst.
Diese hormonellen Veränderungen wirken nicht isoliert, sondern greifen ineinander. Sie betreffen Körper, Psyche und Stoffwechsel gleichermaßen. Entscheidend ist daher weniger ein einzelner Laborwert, sondern das Gesamtbild aus Symptomen, Lebensstil, Stresslevel und individueller Biologie.
Hormone spielen auch beim Mann eine zentrale Rolle für körperliche, psychische und metabolische Gesundheit. Testosteron beeinflusst nicht nur Sexualfunktion und Muskelmasse, sondern auch Stimmung, Motivation, kognitive Leistungsfähigkeit und die Herz-Kreislauf-Gesundheit. Ein Mangel kann die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen. Er wird aber in der medizinischen Praxis häufig nicht erkannt, da er fast nie gemessen und somit auch nicht ernst genommen wird.
Ähnlich wie bei Frauen fehlt es auch hier an strukturierter Aufklärung, an Präventionskonzepten und an einer offenen gesellschaftlichen Diskussion. Während sich das Narrativ der (Post-)Menopause langsam wandelt – weg von einem Tabuthema hin zu einem wichtigen, neuen Abschnitt im Leben einer Frau –, steckt die Andropause noch immer in den Kinderschuhen. Viele Männer sprechen nicht über ihre Beschwerden, weil sie Schwäche fürchten oder glauben, „funktionieren zu müssen“.
Die aktuelle Entwicklung rund um die Menopause zeigt: Aufklärung wirkt. Sie entlastet, normalisiert und eröffnet neue Wege der Prävention und Behandlung. Genau diesen Weg sollten wir auch für Männer gehen. Der hormonelle Wandel ist kein Zeichen von Versagen, sondern Teil des Lebens. Zeit, dass wir ihn auch so behandeln.
Quellen:
Mian AH, Yang DY, Kohler TS. Current Management and Controversies Surrounding Andropause. Urol Clin North Am. 2022 Nov;49(4):583-592. doi: 10.1016/j.ucl.2022.07.003. Epub 2022 Oct 7. PMID: 36309415.
Vance ML. Andropause. Growth Horm IGF Res. 2003 Aug;13 Suppl A:S90-2. doi: 10.1016/s1096-6374(03)00061-3. PMID: 12914733.
Über die Autorin:
"Kyra Kauffmann, Jahrgang 1971, Mutter zweier kleiner Söhne, Volkswirtin, seit 20 Jahren niedergelassene Heilpraktikerin, Buchautorin, Dozentin, Journalistin und seit 3 Jahren begeisterte Medizinstudentin.
Zur Medizin kam ich durch meine eigene schwere Erkrankung mit Anfang 30, bei der mir seinerzeit kein Arzt wirklich helfen konnte. („Ihre Werte sind alle super – es ist alles rein psychisch!“). Hilfe bekam ich von Heilpraktikern, die zunächst einmal eine wirklich gründliche Labordiagnostik durchgeführt haben, ganz nach dem Vorbild von Dr. Ulrich Strunz. Es war eine neue Welt, die sich mir eröffnete und die Erkenntnisse, haben mich sofort fasziniert (ohnehin bin ich ein Zahlen-Daten-Fakten-Fan und habe nicht umsonst das Studium der VWL gewählt). Die Begeisterung war so groß, dass ich meinen alten Beruf an den Nagel hängte und Heilpraktikerin wurde. Meine Praxis führe ich seit 20 Jahren mit großer Begeisterung und bin – natürlich - auf Labordiagnostik spezialisiert und kann so oft vielen Symptomen auf den Grund gehen. In 2 Jahren hoffentlich dann auch als Ärztin.
