Neulich in meiner Praxis. Eine junge Frau, Ende Zwanzig, sitzt mir gegenüber. Äußerlich: makellos. Schmale Taille, lange schwarze Haare mit Extensions, perfekt modellierte, sehr lange Fingernägel, ein vollständig saniertes, strahlend weißes Gebiss. Eine Frau wie aus dem Katalog, Instagram-tauglich bis ins letzte Detail.

Ihr Problem: Sie wird nicht schwanger. Organisch sei alles in Ordnung, berichtet sie. Auch ihr Mann habe sich schon auf seine Fruchtbarkeit testen lassen.

Also mache ich das, was man in solchen Fällen tun sollte. Ich schaue nach innen. Darmcheck und Blutanalyse a la Strunz: Vitamine, Mikronährstoffe, Aminosäurenversorgung. Das Ergebnis war –News-Leser sind nicht überrascht– eine Riesenkatastrophe. Kaum ein Wert dort, wo er für eine Frau mit Kinderwunsch sein sollte.


Ihr Blut schickte mir eine ziemlich eindeutige biochemische Postkarte:


„Hallo da Draußen, ich bin chronisch mangelernährt, leicht entzündet, mein Darm hat offene Türen, meine Aminosäuren sind ganz weit unten, ich baue Histamin schlecht ab, und mein Vitamin-D-Spiegel sieht aus, als hätte ich die letzten fünf Jahre in einem Keller verbracht. Bitte beheben. Mit freundlichen Grüßen."


Äußerlich perfekt. Innerlich unterversorgt. Genau hier liegt eines der großen Probleme unserer Zeit: Wir “tunen” Nägel, Haare und Zähne, kümmern uns aber kaum um unsere inneren Werte. Eine Schwangerschaft ist kein kosmetisches Projekt. Sie ist ein hochkomplexer biologischer Prozess, der nur dann gelingt, wenn der Körper vorbereitet ist, und das heißt ausreichende Versorgung – lange bevor der Schwangerschaftstest positiv ist. Besonders ein Nährstoff steht dabei seit Jahrzehnten völlig zu Recht im Fokus:


Folsäure.


Vielleicht ist der Körper klüger, als wir denken. Kann es nicht sein, dass unser Körper mit seinem unglaublichen Instinkt sagt: So, wie die inneren Werte jetzt gerade sind, sind das keine guten Voraussetzungen für die Entstehung eines gesunden Kindes. Ich warte mal lieber ab, bis sich alles verbessert hat. Eine Schwangerschaft ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis unzähliger biochemischer Prüfungen. Der Körper entscheidet täglich neu, ob Zellteilung sicher möglich ist, ob DNA korrekt gebildet werden kann, ob das empfindliche Nervensystem eines Embryos ausreichend geschützt wäre. Vielleicht verhindert der Körper eine Schwangerschaft nicht aus Versagen, sondern aus Fürsorge. Nicht jede ausbleibende Schwangerschaft ist ein Scheitern, meistens ist es ein Signal.

Ein Signal, genauer hinzuschauen. Ein Signal, Speicher aufzufüllen. Ein Signal, Verantwortung zu übernehmen – bevor neues Leben entsteht.


Folsäure – klein, unscheinbar, lebensentscheidend.

Folsäure (Vitamin B9) ist unverzichtbar für Zellteilung, Blutbildung, DNA-Synthese und die frühe Entwicklung des Nervensystems. Besonders in den allerersten Schwangerschaftswochen – oft lange bevor eine Frau überhaupt weiß, dass sie schwanger ist – entscheidet sich, ob sich das so genannte “Neuralrohr” korrekt schließt. Das Neuralrohr ist die allererste Anlage von Gehirn und Rückenmark beim ungeborenen Kind. Es entsteht in den ersten 3–4 Wochen nach der Befruchtung Man kann es sich vorstellen wie einen ganz feinen Schlauch, der sich in den ersten Wochen der Schwangerschaft aus dem Embryo bildet. Aus diesem Schlauch entstehen später: oben das Gehirn, unten das Rückenmark.

Fehlt Folsäure, kann es zu Neuralrohrdefekten kommen. Der bekannteste ist die Spina bifida, der sogenannte “offene Rücken”. Die Folgen können dramatisch sein: Lähmungen, Störungen von Blase und Darm, schwere orthopädische Probleme, lebenslange schwere Behinderungen und zahlreiche Operationen. Und das Tragische: Ein Großteil dieser Fälle wäre vermeidbar. Nicht durch Hightech-Medizin, sondern durch rechtzeitige Folsäure-Versorgung.

Folsäure lässt sich nicht zuverlässig allein über die Ernährung decken. Sie ist hitzeempfindlich, geht beim Kochen verloren und ist aus Lebensmitteln nur begrenzt verfügbar.

Eine eben erschienene aktuelle Übersichtsarbeit aus Februar 2026 bestätigt erneut: Folsäure-Supplementation vor einer Schwangerschaft senkt das Risiko für Neuralrohrdefekte signifikant. Daher mein Appell an alle Frauen mit Kinderwunsch: Kümmert euch nicht nur um das, was man sieht. Kümmert euch um eure inneren Werte. Lasst Blutwerte bestimmen. Optimiert Speicher. Beginnt frühzeitig.


Denn zu wenig Folsäure kann ein Leben verändern.
Nicht nur eures – sondern das eures Kindes.



Quelle:

Best Evidence Summary of Folic Acid Supplementation for Prevention of Neural Tube Defects in Women of Childbearing Age by Jiahe Li, Bihui Chen, Ning Liu, Wenjia Dong, Dandan Lv, Shuangjin Li and Xiu Zhu

Nutrients 2026, 18(4), 641; https://doi.org/10.3390/nu18040641 (registering DOI)

Submission received: 24 December 2025 / Revised: 7 February 2026 / Accepted: 9 February 2026 / Published: 15 February 2026

https://www.mdpi.com/2072-6643/18/4/641




Über die Autorin:

"Die Biologin Ursula Bien, Jahrgang 1963, ging nach ihrer Zeit am Institut für Biotechnologie des Forschungszentrums Jülich in die Pharmaindustrie und war zuletzt 15 Jahre lang Geschäftsführerin eines kleinen forschenden Pharmaunternehmens. Ihr Arbeitsschwerpunkt lag dabei immer im Bereich der Hämatologie und Onkologie (Blutkrebs, Stammzelltransplantation, Tumore). Motiviert durch Fragen krebskranker Patienten, begann sie sich mit alternativen und komplementären Therapieverfahren zu beschäftigen. Sie absolvierte eine Zusatzausbildung als Heilpraktikerin und bildete sich über viele Jahre intensiv zu den Themen orthomolekulare Medizin und Ernährungsmedizin weiter. Nicht zuletzt durch den wissenschaftlichen Austausch mit Dr. med. Ulrich Strunz fand sie zum Thema Epigenetik und Bluttuning. Mittlerweile gibt sie die „Strunzsche Philosophie“ in eigener Praxis voller Überzeugung auch an ihre Patienten weiter.
Das sagt sie selbst zu ihrer Tätigkeit:

„So sinnvoll die Schulmedizin in vielen Bereichen auch ist, darf es bei chronischen Erkrankungen nicht das Ziel sein, Symptome zu unterdrücken. Es gilt, die Ursachen einer Erkrankung zu finden und abzustellen. Was durch Ernährungsumstellung, gezielte Zufuhr fehlender Mikronährstoffe und Bewegung erreicht werden kann, ist immer wieder verblüffend. Ich bin Dr. Strunz für das, was ich von ihm lernen durfte unendlich dankbar und freue mich für jeden Menschen, der am eigenen Leibe erfahren darf, dass manche Krankheiten nicht nur Schicksal sind.“


Das Bild zeigt ein Porträt der News-Autorin Dipl. Biol. Ursula Bien.