In meiner Praxis begegnet mir beim Thema Calcium häufig Verunsicherung. Oft höre ich Sätze wie:

  • „Mein Calciumwert im Blut ist doch normal – also habe ich keinen Mangel.“
  • „Ich nehme lieber kein Calcium, sonst verkalke ich.“

Vielleicht haben Sie das selbst auch schon gedacht. Beide Aussagen wirken zunächst logisch. Doch tatsächlich beruhen sie auf Missverständnissen, die sich hartnäckig halten, auch unter Fachleuten.

Über den ersten Mythos habe ich bereits in einer früheren News geschrieben. Denn ein normaler Calciumwert im Blut bedeutet leider nicht automatisch, dass der Körper optimal versorgt ist. Der Organismus hält den Calciumspiegel im Blut nämlich mit aller Kraft konstant, weil Calcium lebenswichtig für Herzschlag, Muskeln, Nerven und viele Stoffwechselprozesse ist.

Sinkt die Calciumzufuhr über längere Zeit, holt sich der Körper das benötigte Calcium deshalb aus seinen Speichern: den Knochen. Das bedeutet: Der Blutwert kann lange völlig unauffällig sein, obwohl die Reserven bereits schwinden. Genau deshalb eignet sich der reine Calcium-Blutwert nur sehr eingeschränkt, um einen tatsächlichen Mangel zu erkennen.


Mindestens genauso häufig begegnet mir jedoch der zweite Mythos:

„Wenn ich Calcium nehme, verkalke ich und bekomme vielleicht auch noch Nierensteine.“

Diese Sorge sitzt bei vielen Menschen tief. Manche meiden sogar bewusst calciumreiche Lebensmittel oder Nahrungsergänzungen aus Angst vor Gefäßverkalkungen oder Nierensteinen.

Doch unser Körper funktioniert nicht so simpel.

Calcium ist kein „gefährlicher Stoff“, der sich wahllos irgendwo ablagert. Im Gegenteil: Ohne Calcium könnten unsere Knochen nicht stabil bleiben, Muskeln nicht arbeiten und Nerven keine Signale weiterleiten. Calcium ist lebensnotwendig.

Gefäßverkalkungen entstehen nicht einfach dadurch, dass jemand calciumreich isst. Dahinter stecken meist komplexe Prozesse wie:

  • chronische Entzündungen
  • oxidativer Stress
  • Rauchen
  • Bluthochdruck
  • Diabetes
  • Stoffwechselstörungen

Calcium lagert sich häufig erst dort ab, wo Gewebe bereits geschädigt ist.

Außerdem braucht der Körper bestimmte „Lenkstoffe“, damit Calcium an den richtigen Ort gelangt. Besonders wichtig sind hier Vitamin D und Vitamin K2. Vitamin D verbessert die Aufnahme von Calcium aus dem Darm. Vitamin K2 kann möglicherweise dabei helfen, Calcium in Knochen und Zähne einzubauen statt in Gefäße oder Weichteile. Es wird im Zusammenhang mit Verkalkungen erforscht, weil es an der Aktivierung von Matrix-Gla-Protein beteiligt ist. Dies ist ein Protein, das die Einlagerung von Calcium in Gefäßen hemmen kann. Klinische Studien untersuchen daher, ob K2 die Progression von Gefäßverkalkungen verlangsamen kann; die bisherige Datenlage ist jedoch noch nicht eindeutig.

Auch beim Thema Nierensteine hält sich ein großer Irrtum. Viele glauben, sie müssten Calcium meiden, um Calcium-Oxalat-Steine zu verhindern. Tatsächlich zeigt sich häufig das Gegenteil: Eine normale Calciumzufuhr über die Ernährung kann das Risiko sogar senken. Calcium bindet im Darm sogenannte Oxalsäure. Diese steckt unter anderem in:

  • Spinat
  • Mangold
  • Rhabarber
  • Kakao
  • schwarzem Tee

Wird Oxalsäure bereits im Darm gebunden, gelangt weniger davon in den Urin – und damit sinkt das Risiko, dass sich dort Calcium-Oxalat-Steine bilden. Eine Studie aus dem Jahr 2022 zeigte zudem: Personen mit einer täglichen Calciumzufuhr von etwa 1200 mg hatten das geringste Risiko für Calcium-Oxalat-Steine, die zu den häufigsten Formen von Nierensteinen zählen.

Wer zu Nierensteinen neigt, sollte deshalb vor allem:

  • ausreichend trinken
  • stark oxalathaltige Lebensmittel reduzieren
  • und auf eine ausgewogene Mineralstoffversorgung achten.

Natürlich bedeutet das nicht, jetzt wahllos hoch dosierte Calciumpräparate einzunehmen. Wie so oft in der Medizin kommt es auf die richtige Menge, die individuelle Situation und das Zusammenspiel der Nährstoffe an.

Meine Erfahrung aus der Praxis zeigt jedoch:
Die Angst vor Calcium ist bei vielen Menschen deutlich größer als nötig.

Eine ausgewogene Ernährung mit natürlichen Calciumquellen wie:

  • grünem Gemüse
  • Mandeln
  • calciumreichem Mineralwasser
  • und hochwertigen Milchprodukten

ist für die meisten Menschen wichtig und sinnvoll. Kann der tägliche Calciumbedarf nicht regelmäßig gedeckt werden, so sollte – in Absprache mit einem Therapeuten – substituiert werden.




Quellen:

Ticinesi A, Nouvenne A, Meschi T. The Optimal Dietary Calcium Intake for Preventing Incident and Recurrent Symptomatic Kidney Stone Disease. Mayo Clin Proc. 2022 Aug;97(8):1416-1418. doi: 10.1016/j.mayocp.2022.06.024. PMID: 35933128.

Li T, Wang Y, Tu WP. Vitamin K supplementation and vascular calcification: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Front Nutr. 2023 May 12;10:1115069. doi: 10.3389/fnut.2023.1115069. PMID: 37252246; PMCID: PMC10218696.