Man sollte eigentlich glauben, dass hierzulande ein Mangel an Eiweiß eher eine Rarität ist und der Proteinverzehr mehr als ausreichend ist… Dabei hatte bereits die Nationale Verzehrstudie II in den Jahren 2005/2006 gezeigt, dass elf Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen, insbesondere ältere, weniger Eiweiß als empfohlen aufnahmen; mittlerweile sind es speziell bei Älteren über 70 Jahren sogar nur noch 37 Prozent, die die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlene Zufuhr von 1g Eiweiß je Kilogramm Körpergewicht über die Ernährung schafften. Und gerade für sie ist Protein, kombiniert mit Bewegung, besonders wichtig.

Der britische Verhaltens-und Ernährungsforscher Dr. Chris MacDonald vom Lucy Cavendish College der University of Cambridge (UK) schlug jetzt Alarm in einem „Perspective Paper“, publiziert im Fachjournal „Frontiers in Nutrition“. Seiner Auffassung nach sind die Referenzwerte für die Proteinzufuhr in den Ernährungsleitlinien viel zu niedrig angesetzt, da sie primär nur Mangelerscheinungen bei bewegungsfaulen Menschen vermeiden sollen, nicht aber langfristig für eine optimale Gesundheit und Muskelkräftigung sorgen. Selbiges gilt seiner Ansicht nach auch für die zu geringen Bewegungsempfehlungen.

Die hierzulande von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlenen täglichen 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht – für gesunde Ältere über 65 Jahren wurde das immerhin inzwischen auf mindestens1,0 Gramm je Kilo Körpergewicht geändert – scheint demzufolge für den Autor immer noch zu gering zu sein: Kraftsportlern und sportlich aktiven Menschen rät er zu 1,3 bis 3,5 Gramm Protein je Kilo Körpergewicht pro Tag, für durchschnittliche Erwachsenen hält er 120 Gramm Eiweiß pro Tag, verteilt auf vier Mahlzeiten, für vernünftig.

Der Forscher verweist auf Studien, nach denen eine höhere Eiweißzufuhr zusammen mit Krafttraining das Sterberisiko um 40 Prozent senken und das Risiko für altersbedingten Muskelschwund (Sarkopenie) effektiv verringern kann. Zudem unterstützt Eiweiß den Fettabbau. „Es geht also weniger darum, Sixpack-Bauchmuskeln oder einen Beach Body zu bekommen“, sagt der Autor. Vielmehr helfe die Kombination aus hochintensivem Training und einer proteinreichen Ernährung dabei, im Alter geistig und körperlich fitter und länger selbstständig zu bleiben.

PS: Die Amerikaner haben es vorgemacht: In ihren reformierten Ernährungsleitlinien stieg die Empfehlung für den täglichen Eiweißkonsum von bisher 0,8 g/kg Körpergewicht auf 1,2-1,6 g/kg Körpergewicht bzw. mindestens 100 g Eiweiß pro Tag, um gesund zu bleiben.

Und noch ein PS: Eiweiß dient auch als Transport-Taxi im Blut für wichtige Vitamine, z.B. Vitamin A (Retinol-bindendes Protein), die Vitamine D und E wie auch für z.B. Eisen. Eine Blutarmut kann auch durch Eiweißmangel entstehen (Proteinmangel-Anämie). Fehlt Eiweiß, gelangen zahlreiche Vitalstoffe nicht an ihr Ziel. Also ran ans Grillsteak, den Ofenkäse, das Fischfilet oder die Erbsen und Linsen...




Quellen:

Chris Macdonald. Beyond the bare minimum: the case for revised physical activityguidelines and protein intake recommendations that maximise healthspan. Frontiers inNutrition, 2026; 13 DOI: 10.3389/fnut.2026.1853124

Rempe, H.M.; Sproesser, G.; Hannink, A.; Skurk, T.; Brandl, B.; Hauner, H.; Renner, B.; Volkert, D.; Sieber, C.C.; Freiberger, E.; et al. The Relationship Between Healthy Eating Motivation and Protein Intake in Community-Dwelling Older Adults With Varying Functional Status. Nutrients 2020, 12, 662. https://doi.org/10.3390/nu12030662

https://www.sciencedaily.com/releases/2026/06/260622091429.htm