Wann kommt meine letzte Regelblutung? Mit 45, mit 50 oder vielleicht erst mit 55 Jahren? Diese Frage stellen mir viele Frauen in meiner Praxis. Tatsächlich beginnen die hormonellen Veränderungen, die schließlich zur Menopause führen, schon viel früher, als die meisten vermuten. Eine aktuelle Studie in Nature Medicine zeigt, dass sich bestimmte Veränderungen bereits rund 15 Jahre vor der letzten Regelblutung abzeichnen. Besonders interessant ist dabei ein Hormon, das viele Frauen noch gar nicht kennen: das Anti-Müller-Hormon, kurz AMH. Aber kann uns dieser Laborwert tatsächlich verraten, wann die Menopause bevorsteht?
Die Nature-Studie zeigte, dass der AMH-Spiegel bereits etwa 15 Jahre vor der letzten Regelblutung beschleunigt abzufallen beginnt. Der FSH-Spiegel steigt ungefähr 14 Jahre und der Estradiolspiegel sinkt etwa 12 Jahre vor der Menopause zunehmend deutlich ab. Diese hormonellen Veränderungen beginnen also wesentlich früher, als viele Frauen vermuten. Während das follikelstimulierende Hormon (FSH) und Estradiol im Verlauf des Menstruationszyklus erheblich schwanken können, ist AMH vergleichsweise stabil. Deshalb lässt es sich grundsätzlich unabhängig vom Zyklustag bestimmen. Das ist sehr praktisch. Allerdings können auch AMH-Werte schwanken und beispielsweise durch hormonelle Verhütungsmittel beeinflusst werden.
Das Anti-Müller-Hormon wird bei Frauen von den Granulosazellen kleiner, heranwachsender Follikel (Eibläschen) in den Eierstöcken produziert. Seine Konzentration im Blut steht in Zusammenhang mit der sogenannten ovariellen Reserve, also dem verbliebenen Vorrat an Eizellen. Das Hormon verdankt seinen ungewöhnlichen Namen dem deutschen Anatomen Johannes Peter Müller (1801–1858). Seinen ungewöhnlichen Zusatz „Anti“ verdankt das Hormon übrigens der embryonalen Entwicklung des Mannes. Dort verhindert es die Ausbildung weiblicher innerer Geschlechtsorgane. Dass wir dieses Hormon heute vor allem zur Beurteilung der Eizellreserve bei Frauen bestimmen, kam erst viel später.
Unser Vorrat an Eizellen wird bereits vor der Geburt angelegt. Neue Eizellen werden im Laufe des Lebens nicht mehr gebildet.
Die Zahlen sind – wie ich finde - beeindruckend:
- Bei der Geburt: etwa 1–2 Millionen Eizellen.
- Zu Beginn der Pubertät: noch ungefähr 300.000–500.000.
- Mit 30 Jahren: schätzungsweise rund 100.000 Eizellen.
- Zum Zeitpunkt der Menopause: meist nur noch ungefähr 1.000 Eizellen.
Dabei handelt es sich um Durchschnitts- und Schätzwerte.
Pro Menstruationszyklus geht keineswegs nur die eine Eizelle verloren, die beim Eisprung freigesetzt wird. Vielmehr gehen zahlreiche weitere Follikel durch einen natürlichen Rückbildungsprozess zugrunde. Im gesamten reproduktiven Leben einer Frau finden dagegen durchschnittlich nur etwa 400–500 Eisprünge statt.
Der weitaus größte Teil unserer Eizellen geht also nicht durch den Eisprung verloren, sondern durch natürliche Rückbildungsprozesse im Eierstock.
Genau hier kommt das Anti-Müller-Hormon ins Spiel: Seine Konzentration spiegelt die Aktivität kleiner, heranwachsender Follikel wider und gibt damit einen indirekten Hinweis auf die verbliebene ovarielle Reserve.
Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen niedrigen AMH-Werten und einem früheren Eintritt der Menopause. Frauen mit niedrigen AMH-Konzentrationen erreichen im statistischen Durchschnitt früher ihre letzte Regelblutung als gleichaltrige Frauen mit höheren Werten.
Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen einer statistischen Wahrscheinlichkeit und einer individuellen Vorhersage. Ein niedriger AMH-Wert bedeutet nicht automatisch, dass die Menopause unmittelbar bevorsteht. Manche Frauen menstruieren trotz kaum noch messbarem AMH mehrere Jahre weiter. Andere erreichen die Menopause früher als aufgrund ihres AMH-Wertes erwartet.
Das Lebensalter bleibt deshalb einer der wichtigsten Faktoren bei der Einschätzung des Menopausezeitpunkts.
Gerade in der Perimenopause wird die Interpretation oft schwierig. Ein sehr niedriger AMH-Wert ist in diesem Lebensabschnitt keineswegs ungewöhnlich.
Auch die häufige Gleichsetzung von AMH und Fruchtbarkeit ist problematisch: Ein niedriger Wert bedeutet nicht zwangsläufig Unfruchtbarkeit. AMH beschreibt vor allem die quantitative ovarielle Reserve, nicht die Qualität der verbliebenen Eizellen.
In der Reproduktionsmedizin hat AMH einen festen Stellenwert, insbesondere zur Abschätzung der Reaktion der Eierstöcke auf eine hormonelle Stimulation. Zur individuellen Vorhersage der natürlichen Menopause wird eine routinemäßige AMH-Bestimmung dagegen derzeit nicht empfohlen. Bei Verdacht auf eine vorzeitige Ovarialinsuffizienz, also verfrühte Menopause, vor dem 40. Lebensjahr stehen Zyklusanamnese und FSH-Diagnostik im Vordergrund.
Das Anti-Müller-Hormon ist ein interessanter biologischer Marker der Eierstockalterung. Es kann Hinweise darauf liefern, wie weit die ovarielle Reserve bereits zurückgegangen ist. Aber einen verlässlichen Countdown bis zur letzten Regelblutung bietet es nicht.
Quelle:
Pridham G, Hayut Y, Lavi-Shoseyov N et al. (2026). Population-scale reconstruction of menopause dynamics reveals a physiological cliff at the final menstrual period. Nature Medicine. Published 12 October 2026.