Viele gesundheitliche Beschwerden unserer Zeit – insbesondere ein dauerhaft dysreguliertes Nervensystem – können auch damit zusammenhängen, dass wir permament gegen unsere innere Uhr leben. Künstliches Licht, unregelmäßige Schlafenszeiten, nächtliche Bildschirmnutzung und ein Alltag, der kaum noch dem natürlichen Wechsel von Tag und Nacht folgt, bringen unseren biologischen Rhythmus aus dem Takt.
Damit entfernen wir uns immer weiter von den natürlichen Bedingungen, an die sich der menschliche Organismus im Laufe der Evolution angepasst hat. In diesem Ausmaß ist das ein vergleichsweise junges Phänomen.
Jeden Morgen geht die Sonne auf. Lange bevor es Wecker, Smartphones oder Schichtarbeit gab, war genau dieses Sonnenlicht der wichtigste Taktgeber unseres Körpers. Im Laufe der Evolution hat sich unser Organismus an den Wechsel von Tag und Nacht angepasst. Erst seit gut 100 Jahren leben wir in einer Welt, in der künstliches Licht die Nacht zum Tag machen kann. Evolutionär betrachtet, ist dies nur ein Wimpernschlag. Seit den späten 1920er-Jahren ist elektrisches Licht in den Privathaushalten hierzulande zunehmend weit verbreitet.
Wir können heute die Nacht zum Tag machen; und das nicht nur, wenn wir im Schichtdienst arbeiten. Selbst ein ganz gewöhnlicher Abend spielt sich oft unter hellem Kunstlicht ab: in der Wohnung, im Büro, im Fitnessstudio oder vor Bildschirmen.
Besonders bewusst wurde mir das vor einigen Monaten, als ich einige Tage in einem spanischen Nationalpark verbrachte. Auf rund 2.000 Metern Höhe gab es nachts keinen Strom, keine Straßenlaternen und keine beleuchteten Fenster – nur Dunkelheit und einen überwältigenden Sternenhimmel. Der Kontrast zum Leben in einer Großstadt hätte kaum größer sein können.
Während ich dort in den Himmel blickte, dachte ich: So haben Menschen den größten Teil ihrer Geschichte die Nacht erlebt.

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Nach Sonnenuntergang wurde es dunkel. Der Tagesrhythmus wurde nicht von LEDs, Smartphones oder Leuchtreklamen bestimmt, sondern von Sonnenlicht, Mond und Sternen. Erst seit wenigen Generationen können wir die Nacht nahezu beliebig erhellen. Das ist ein tiefgreifender Wandel, an den sich unser Körper evolutionär noch nicht anpassen konnte.

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Dieses natürliche Wechselspiel von Licht und Dunkelheit stellt täglich unsere innere Uhr. Sie steuert den sogenannten circadianen Rhythmus. Die ist ein biologischer Rhythmus von etwa 24 Stunden, nach dem nahezu alle wichtigen Prozesse in unserem Körper ablaufen. Dieser bestimmt nicht nur, wann wir müde oder wach sind, sondern beeinflusst auch unsere Körpertemperatur, den Stoffwechsel, die Konzentrationsfähigkeit, das Immunsystem sowie die Ausschüttung zahlreicher Hormone. Darüber hinaus wirkt sich der circadiane Rhythmus auf die Aktivität unseres autonomen Nervensystems aus und trägt dazu bei, dass Phasen der Anspannung und Erholung in einem natürlichen Gleichgewicht bleiben.
Natürliches Tageslicht umfasst das gesamte sichtbare Lichtspektrum von kurzwelligen blauen bis hin zu langwelligen roten Lichtanteilen. Im Laufe des Tages verändert sich jedoch seine Zusammensetzung: Am Morgen ist das Licht besonders reich an kurzwelligem, blauem Licht und hilft dabei, unsere innere Uhr zu aktivieren und den Körper auf Wachheit einzustellen. Um die Mittagszeit erreicht das Tageslicht seine höchste Intensität. Gegen Abend nimmt der Blauanteil ab, während warme gelb- und rötliche Farbtöne überwiegen. Dieses natürliche Signal bereitet unseren Körper darauf vor, sich allmählich auf Ruhe und Schlaf einzustellen.
Genau hier gerät unser moderner Lebensstil mit unserer Biologie in Konflikt. Helles künstliches Licht am Abend – insbesondere das blaureiche Licht von LEDs, Smartphones, Tablets und Computern – vermittelt unserem Gehirn weiterhin den Eindruck, es sei noch Tag. Auf Dauer kann dadurch unser natürlicher biologischer Rhythmus aus dem Gleichgewicht geraten.
Doch wie erkennt unser Gehirn eigentlich, ob Tag oder Nacht ist? Welche Rolle spielen dabei spezielle Lichtrezeptoren in unseren Augen? Und warum wurde die Entdeckung der molekularen Mechanismen unserer inneren Uhr 2017 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet? Genau darum geht es in meiner nächsten News.
Quellen:
Brown GM. Light, melatonin and the sleep-wake cycle. J Psychiatry Neurosci. 1994 Nov;19(5):345-53. PMID: 7803368; PMCID: PMC1188623.
Hall JC, Rosbash M, Young MW. The Nobel Prize in Physiology or Medicine 2017 – Circadian rhythms. Nobel Prize Outreach AB.