Dass die Bausteine des Lebens nicht ausschließlich auf der Erde entstehen, zeigt ein faszinierender Fund aus dem All: Die einfachste Aminosäure, Glycin, wurde in Staubpartikeln eines Kometen nachgewiesen. Diese uralten Teilchen gelten als Überreste aus der Frühzeit unseres Sonnensystems – gewissermaßen echter „Sternenstaub“.

Eine Tüte „Sternenstaub“, wie es unsere Kinder nennen, steht bei uns seit Jahren ganz selbstverständlich in unserer Küche. Morgens landet Glycin in unserem Quark-Smoothie, gelegentlich verwende ich es auch als milde, leicht süßliche Alternative zu Birkenzucker. Übrigens setzen Lebensmittelhersteller schon lange auf Glycin: Als Zusatzstoff E640 ist es in zahlreichen Fertigprodukten enthalten.

Was viele nicht wissen: Glycin ist nicht nur eine Aminosäure, sondern auch ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff im Nervensystem. Das Besondere an Glycin ist, dass man diesen Neurotransmitter ganz unkompliziert als Nahrungsergänzungsmittel, zum Beispiel in Pulverform, zu sich nehmen kann. Sicherlich haben Sie schon den interessanten Beitrag von Robert Krug vom 27.01.2026 gelesen. Dort wurde bereits ein schöner Überblick über die vielseitigen Aufgaben von Glycin gegeben. Heute möchte ich einen Aspekt herausgreifen, der besonders spannend ist: seine wichtige Rolle im zentralen Nervensystem.

Im zentralen Nervensystem übernimmt Glycin eine ganz wichtige Aufgabe – insbesondere in der heutigen hektischen, stressigen Zeit: Es wirkt beruhigend. Genauer gesagt gehört Glycin zu den sogenannten hemmenden Neurotransmittern. Das bedeutet: Es hilft dabei, die Aktivität von Nervenzellen zu dämpfen. Wenn Glycin an seine Rezeptoren bindet, wird die Weiterleitung von Signalen gebremst.

Man kann sich das gut wie ein eingebautes Sicherheitssystem vorstellen: Während andere Botenstoffe, z. B. Noradrenalin und Glutamat, das Nervensystem aktivieren, sorgt Glycin – neben GABA - dafür, dass nicht alles „überdreht“. Es wirkt wie eine Art Bremse im Nervensystem und hilft so, ein gesundes Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Direkt vor dem Schlafen eingenommen, kann sich Glycin daher positiv auf die Schlafqualität auswirken.

Besonders hoch ist die Dichte an Glycinrezeptoren im Rückenmark. Dort übernimmt Glycin eine zentrale Rolle bei der Regulation von Muskelreflexen. Es wirkt hemmend und verhindert, dass Muskelaktivität außer Kontrolle gerät. Ohne diese „Bremsfunktion“ käme es zu unkontrollierten Muskelkontraktionen.

Wie wichtig dieser Mechanismus ist, zeigt ein drastisches Beispiel: Die Krankheit Tetanus. Das von Clostridium tetani produzierte Nervengift blockiert gezielt die Freisetzung hemmender Neurotransmitter wie Glycin und auch von GABA im Rückenmark. Die natürliche Bremse der Muskelaktivität fällt damit aus; die Folge sind extrem schmerzhafte Muskelkrämpfe.

Weniger bekannt, aber sehr spannend: Glycin unterstützt auch den NMDA-Rezeptor, der eine wichtige Rolle für Lernen und Gedächtnis spielt. Aus diesem Grund empfehle ich es in meiner Praxis oft bei ADS und ADHS.

Glycin kann vom Körper selbst hergestellt werden. In Zeiten von Stress oder hoher Belastung stößt diese Eigenproduktion jedoch an ihre Grenzen – weshalb Glycin als „bedingt essenziell“ gilt. Die körpereigene Bildung erfolgt aus L-Serin und ist auf Folat (Folsäure) angewiesen.

Glycin kommt natürlicherweise in vielen proteinreichen Lebensmitteln vor – besonders in solchen mit hohem Anteil an Bindegewebe, z. B. Gelatine / Kollagen Fleisch mit Bindegewebe (z. B. Haut, Sehnen) und Knochenbrühe.

Eine bewusste Ernährung mit glycinreichen Lebensmitteln oder – bei Bedarf – eine gezielte Ergänzung „aus der Tüte“ kann dazu beitragen, die vielfältigen Funktionen dieser Aminosäure im Nervensystem und darüber hinaus zu unterstützen.

Eine allgemein gültige Zufuhrempfehlung für Glycin gibt es nicht. In der Praxis werden häufig etwa 3 bis 5 Gramm pro Tag eingesetzt, zum Beispiel zur Unterstützung des Schlafs. Der individuelle Bedarf kann jedoch variieren.