Neulich in meiner Praxis: Mich konsultiert ein sympathischer Patient, den ich jedes Jahr einmal zum großen Bluttuning sehe und der sozusagen den Inbegriff eines gesunden Sportlers verkörpert. Drahtig, muskulös, wohlproportioniert, Ruhepuls knapp über 40. Einer, der freiwillig morgens um sechs Uhr schwimmen geht und danach noch 10 Kilometer joggt und ein paarmal in der Woche reichlich Radkilometer sammelt. Ein Triathlet halt!
Doch an diesem Tag wollte er weder über neue Bestzeiten noch über den nächsten Ironman sprechen. Er humpelte in mein Sprechzimmer, zog den Schuh aus und präsentierte mir einen knallroten, geschwollenen großen Zeh.
„Oh“, sagte ich, „das sieht ganz nach einem akuten Gichtanfall aus.“
Sein Blick war unbezahlbar. „Gicht? Ich doch nicht! Das haben doch nur Männer mit dickem Bauch, die Schweinshaxe essen und drei Flaschen Bier am Abend trinken!“
Ich musste schmunzeln. Genau dieses Vorurteil hatte ich auch mal. Lernt man auch so in der Ausbildung: zu viel Purine in der Nahrung - insbesondere konsumiert durch zu viel Fleisch, Wurst und Bier - lassen den Harnsäurespiegel steigen.
Tatsächlich aber sitzen mir erstaunlich oft auch Läufer, Triathleten und ambitionierte Radsportler mit einem erhöhten Harnsäurespiegel gegenüber. Menschen, die größten Wert auf eine optimale Ernährung legen, keinen Tropfen Alkohol trinken, einen Körperfettanteil von unter 10% haben und eine Fitness besitzen, von der die meisten Menschen nur träumen können.
Und trotzdem ist ihre Harnsäure zu hoch. Wie passt das zusammen?
Ja, es klingt paradox, ist aber erklärbar.
Ein Hochleistungsmotor produziert mehr Abgase. Unser Körper ist da nicht anders. Bei jedem harten Training verbrennen die Muskeln riesige Mengen an ATP, den universellen Treibstoff unserer Zellen.
Wird dieser Treibstoff im Akkord verbraucht, fallen beim Recycling Purine an. Deren Endprodukt heißt Harnsäure. Je härter das Training, desto mehr davon entsteht.
Gleichzeitig wird während intensiver Belastung das Blut bevorzugt in die arbeitenden Muskeln umgeleitet. Die Nieren müssen sich vorübergehend mit etwas weniger Durchblutung zufriedengeben.
Mit anderen Worten: Der Körper produziert mehr Harnsäure, entsorgt sie aber gleichzeitig schlechter. Keine ideale Kombination.
Hat nun jemand auch noch zusätzlich eine genetische Veranlagung (beispielsweise Veränderungen der Transportproteine SLC2A9 oder ABCG2), wird aus einem kleinen Rückstau schnell eine ausgewachsene Blockade. Die Niere hält Harnsäure fest, obwohl sie sie eigentlich loswerden sollte.
Besonders spannend wird es beim beliebten Nüchterntraining. Das kurbelt den Fettstoffwechsel hervorragend an. Doch dabei entstehen Ketonkörper. Und genau diese drängeln sich an derselben 'Ausgangstür' der Niere wie die Harnsäure. Stellen Sie sich zwei Reisebusse vor, die gleichzeitig durch eine einspurige Baustelle wollen. Die Ketonkörper sind zuerst da – die Harnsäure muss warten.
Die gute Nachricht: Niemand muss deshalb seine Laufschuhe an den Nagel hängen. Häufig reicht schon ein kleiner Eiweißsnack oder eine halbe Banane vor dem Training, damit sich der Stau deutlich entschärft.
Anstatt die körpereigene Regulation sofort mit der chemischen Allopurinol-Keule zu unterdrücken, bietet die orthomolekulare Medizin zudem hochpräzise Werkzeuge, um genau an den Ursachen – der Entstehung im Muskel und der Ausscheidung in der Niere – anzusetzen:
- Kreatin (3–5 g täglich): Ein Schutzschild für das ATP
Kreatin ist nicht nur für Sprinter da. Es hält die zellulären Phosphatspeicher voll. Das sorgt dafür, dass das ATP im Muskel unter Belastung schneller regeneriert wird und nicht in den "Notabbau" stürzt. Weniger ATP-Zerfall bedeutet direkt: Weniger Harnsäureentstehung an der Basis. - Vitamin C (mindestens 1.000 mg täglich): Der Nieren-Öffner
Vitamin C fördert die renale Harnsäureausscheidung. Es sorgt quasi dafür, dass die Niere die Harnsäure nicht wieder zurück ins Blut filtert, sondern direkt in den Urin "durchwinkt". Ein natürliches Urikosurikum ohne Nebenwirkungen. - Quercetin (500 mg täglich): Die pflanzliche Enzym-Bremse
Quercetin ist das biologische Pendant zu Allopurinol. Das kraftvolle Flavonoid hemmt genau das Enzym (die Xanthinoxidase), das Purine in Harnsäure verwandelt. Da reines Quercetin vom Körper isoliert nur schwer aufgenommen wird, lautet der biochemische Trick: Immer zusammen mit einer fetthaltigen Mahlzeit (z. B. Omega-3-Fettsäuren) oder kombiniert mit Vitamin C einnehmen. Das schleust den Naturstoff hocheffizient durch die Darmwand und senkt den Harnsäurespiegel nachweislich an der Wurzel. - Citrate (Kalium-/Magnesiumcitrat): Die pH-Wert-Optimierung
Harnsäure ist extrem temperatur- und pH-abhängig. In einem sauren Urin kristallisiert sie sofort. Citrate wirken im Urin stark alkalisierend. Ein leicht angehobener Urin-pH-Wert vervielfacht die Löslichkeit der Harnsäure im Nu und die Niere kann sie spielend leicht ausschwemmen.
Mein Fazit:
Erhöhte Harnsäurespiegel sind nicht immer eine Wohlstandskrankheit. Manchmal ist er einfach der Preis für einen Motor, der auf Hochtouren läuft.
Wer die Biochemie dahinter versteht, kann Training, Ernährung und Mikronährstoffe gezielt darauf anpassen.
Illustration erstellt mit DALL E, OpenAI 2026 durch Ursula Bien